Archäologie als sinnliches Erlebnis

Mit der Zahnbürste in die Geschichte

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Ober-Roden -  Archäologische Funde müssen erst gesäubert werden, bevor man sie sichten und ordnen kann. Beim Scherbenwaschen im „Jägerhaus“ am Rathausplatz kamen Freiwillige in Berührung mit der Vergangenheit.

Zu tun gibt es genug: Rund 400 Kisten mit Keramikscherben und anderen Funden warten noch aufs Wannenbad. Bodenfunde aus den Grabungen der 80er und 90er Jahre lagern in den Kisten im Rödermärker „Archäologiezentrum“ in ihrer ursprünglichen Form. Damit man sie weiter sichten und klassifizieren kann, müssen sie vorsichtig gewaschen und getrocknet werden. Dazu hatte die Stadt am Wochenende interessierte Bürger eingeladen, die nicht nur hilfreiche Arbeit leisten wollten, sondern auch Freude an den Informationen der Archäologie-Stipendiatin Aika Diesch hatten. Es waren wenige, die sich an die historischen Schätze herantrauten, doch sie erfuhren viel Wissenswertes und gingen letztlich mit einem befriedigten Gefühl nach Hause.

Gibt’s für diese ausgesprochen langwierige und zeitaufwendige Sisyphusarbeit denn kein Schonprogramm in einer Spülmaschine? Die Frage löst bei Aika Diesch ein etwas verständnisloses, leises Lächeln aus – nein, was aber auch klar ist, wenn man versteht, dass dieses Waschen der teils winzigen Keramik- oder Glasteile mit den teilweise wundersamen Veränderungen ihrer Oberflächen eine Art sinnliches Vergnügen für jeden Archäologen bringt.

„Passen Sie beim Reinigen vor allem auf die Seitenkanten auf, dass Sie da nicht die Ecken abrunden und das Material abbröselt“, rät die Fachfrau. Die 27-Jährige hat ihren Bachelor und Master in Archäologie gemacht und arbeitet seit Oktober mit dem Projekt einer Grabungsdokumentation an ihrer Dissertation. In etwa zwei Jahren hofft sie fertig zu sein und näher erforscht zu haben, wie die Ober-Röder in frühen Mittelalter und im Hochmittelalter gelebt haben.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit werden die Funde aus den Grabungen der 80er und 90er Jahre aus dem Ortskern von Ober-Roden stehen. Dafür werden alle Bruchstücke grob gewaschen und sorgfältig in Kisten verpackt nach Bamberg verschickt, wo Aika Diesch sie noch einmal in allen Feinheiten nachreinigt, bearbeitet, fotografiert und dann ihre Historie bestimmt.

Zunächst aber gilt es noch viele Stunden und Tage das von Prof. Dr. Egon Schallmayer an die Oberfläche geförderte Material zu waschen, mit leicht warmem, klarem Wasser; mit Schwamm, Handbürste und Zahnbürste und natürlich mit Handschuhen, um nur ja nichts zu beschädigen.

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Die Ober-Röderin Judith Bauer und die Urberacherin Sonja Kühn, die am Samstag als Helferinnen zur Seite standen, hatten von der Aktion in der Zeitung gelesen. Beide sind an solchen historischen Funden interessiert. „Ich würde gerne selber suchen und graben, aber ich würde dann auch gerne etwas finden“, schmunzelt Judith Bauer und gibt sich derweil mit Gedankenspielen rund um die von ihr zu waschenden Bruchstücke zufrieden. War es wohl ein Milchtopf? War es eine Schüssel? Ein Bruchstück deutet von seiner Form auf eine Schale hin, aber warum war sie innen und nicht außen bemalt? Wie viel Sand und Erde darf ich abwaschen und wo geht’s an die Substanz?

Die Arbeit ist fummelig und der Berg der noch schmutzigen Partikel wird nicht bedeutend kleiner; doch die voneinander in gebührendem Abstand auf Haushaltspapier ausgelegten gesäuberten Teile füllen schließlich Kiste um Kiste. Am Sonntag ging es weiter, und die Tage, die Aika Diesch in Ober-Roden verbringt, arbeitet sie auch durch: „Wer Lust darauf hat, kann jederzeit hier vorbeikommen und helfen, wenn ich da bin.“

Auch wenn es scheint, dass die Arbeit kein Ende hat, sieht man den Erfolg doch an den erkennbar vielfältigen Stücken in den Kisten – und das befriedigt. Die ersten Kisten, die schon vor Wochen auf die Reise zum Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit nach Bamberg gegangen waren, bearbeitet Aika Diesch immer in den Phasen weiter, in denen sie an der Uni all deren technische und wissenschaftliche Möglichkeiten nutzen kann.

Nicht nur der pensionierte Landesarchäologe Egon Schallmayer, sondern auch manche Rödermärker Bürger werden gespannt auf die Ergebnisse im Hinblick auf die mittelalterliche Siedlungsgeschichte sein. (chz)

Quelle: op-online.de

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