Ziemlich nah am Paradies?

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Glimpflich - sprich: ohne ernsthaft Verletzte - geht ein spektakulärer Unfall Ende August ab: Bei einem missglückten Überholmanöver auf der L 3097 rammt der Fahrer eines Opel den Traktor von Thomas Tüncher und wirft die vier Tonnen schwere Maschine um. Ansonsten verläuft 2009 für Feuerwehr, Rettungsdienste und Polizei eher ruhig. Am 10. September wird ein 19-jähriger Handwerker beim Sturz in eine Baugrube schwer verletzt und muss mit einer Spezialtrage aus dem Loch gerettet werden. Reiche Beute machen Einbrecher, die am 19. Februar mit Äxten oder Vorschlaghämmern das Schaufenster der Drogerie Brehm am Ober-Röder Rathaus zertrümmern.

Normalität ist das Paradies, meinte Bürgermeister Roland Kern, als er vor ein paar Tagen ein Jahr ohne große Höhen und Tiefen im Schnelldurchgang bilanzierte. Leben die Rödermärker also in einer Art Garten Eden? Von Michael Löw

Keine Feuersbrünste oder Überschwemmungen, keine Umweltskandale, weder Mord noch Totschlag, politischer Streit ohne persönliche Diffamierungen - nimmt man das Ausbleiben von Hiobsbotschaften zum Maßstab für Normalität, dann liegt Rödermark ziemlich nahe am Paradies. Der eloquente Rathaus-Chef hat sicher recht, wenn er die großen und kleinen Sorgen seiner Bürger in die richtige Relation zum Weltgeschehen rückt. Und genau das - nicht mehr und nicht weniger - wollte Kern auch ausdrücken.

Der Blick durch die Brille des Lokaljournalisten offenbart nämlich doch etliches, was weder paradiesisch noch normal ist.

Das wohl unerquicklichste Thema des Jahres ist der Streit innerhalb der Urberacher St. Gallus-Gemeinde - eigentlich eine Altlast aus 2008. Vor rund 15 Monaten stellt Pfarrer Klaus Gaebler zusammen mit Verwaltungs- und Pfarrgemeinderat die Pläne für ein neues Gemeindezentrum neben der Kirche vor. Die Pfarrei hatte für mehrere hunderttausend Euro die ehemalige Bäckerei Edelmann gekauft, um sie zu einer Begegnungsstätte umzubauen. Die Argumente sind eigentlich einleuchtend: Das in die Jahre gekommene Gallusheim verursacht immense Energiekosten und ist eigentlich viel zu groß für nicht einmal eine Handvoll Veranstaltungen.

Anfangs streiten Neubau-Befürworter und Gallusheim-Freunde noch sachlich miteinander. Doch die Auseinandersetzung wird hitziger, Schärfe und persönliche Angriffe bis hin zur Forderung nach Gaeblers Ablösung schleichen sich ein.

Öffentliche Diskussion

Der 3. Februar 2009 teilt die Urberacher Katholiken dann endgültig in zwei Lager. Die Bauaufsicht macht das Gallusheim wegen „gravierender Mängel“ im Brandschutz dicht. Pfarrer Gaebler habe die Schließung des ungeliebten Altbaus bewusst betrieben, werfen beispielsweise die Katholische Arbeitnehmerbewegung oder die Mutter-Kind-Gruppen dem mitunter sperrigen Seelsorger vor. Der schießt zurück: Frühere Pfarrgemeinderäte hätten von den Mängeln gewusst und nichts dagegen unternommen. Außerdem habe erst die öffentliche Diskussion darüber in unserer Zeitung den Kreis auf den Plan gerufen.

Mitte August muss dann sogar das Landgericht Darmstadt per Vergleich den Streit zwischen Pfarrer und einem Kritiker aus der Gemeinde schlichten. Bis die Urberacher Katholiken wieder christlich miteinander umgehen - so heißt das Leitwort der Gemeinde -, ist‘s ein weiter, schwieriger Weg. Zeichen der Annäherung sind aber seit ein paar Wochen zu beobachten. Und bei der Hirtenweihnacht geht Pfarrer Klaus Gaebler das leidige Thema endlich einmal mit einer augenzwinkernden Souveränität an, die viele zuvor vermisst haben.

Mächtig gerumpelt hat‘s auch im normalerweise paradiesisch ruhigen Breidert. Auch hier ist Ende August ein richterliches Machtwort vonnöten. Francesco Colella baut den Keller seines Reihenhauses zur Pizzeria um und zieht sich den Zorn seiner Nachbarschaft zu. Bettlaken verkünden Botschaften wie „Pizza, nein danke“, die Polizei muss sich mit Anzeigen beider Seiten herumschlagen, und ein gestandener Jurist behauptet doch tatsächlich allen Ernstes, dass mit der Eröffnung einer Kneipe die Kriminalität in der Saalfeldener Straße Einzug hält.

Im Stadtparlament fehlen ein paar vertraute Gesichter

Das Verwaltungsgericht Darmstadt bewertet ausschließlich das Baurecht, und danach gibt‘s an der Pizzeria nichts zu beanstanden. In einem allgemeinen Wohngebiet - und das ist dieser Teil des Breidert juristisch, obwohl er de facto ein reines Wohngebiet ist - dürfen Gastronomen ihren Service anbieten.

Der Vollständigkeit halber sei noch ein dritter Rechtsstreit erwähnt. Klaus Braungart und sein Nachbar Hans-Dieter Müller aus der Bachgasse warten darauf, dass ihr Prozess vorm Amtsgericht in Langen beginnt. Der eine hat ein 1,40 Meter großes Holzkreuz aufgehängt, der andere hat‘s abgesägt. Wie wär‘s mit folgendem Urteil? Das Gericht sperrt beide Streithähne mit den Brocken so lange in einen Raum, bis sich der gesunde Menschenverstand durchgesetzt hat. Und da weder Provokation noch Sachbeschädigung Straftaten von besonderes schwerer Schuld sind, dürften Braungart und Müller spätestens in 15 Jahren wieder daheim sein.

In die Zukunft investiert die Stadt auf dem Dach des Feuerwehrstützpunktes. 400 Quadratmeter Solarzellen erzeugen dort Strom aus Sonnenlicht und ersparen der Umwelt pro Jahr 24 Tonnen Kohlendioxid. Eine Studie der Uni Frankfurt bestätigt vor einigen Wochen diesen Kurs der Stadt. Rödermark könne seinen Strombedarf komplett aus eigenen Quellen decken. Allerdings wären dazu auch drei der umstrittenen Biogas-Anlagen und Windräder nötig.

Im Stadtparlament und in den Ausschüssen fehlen seit Oktober ein paar vertraute Gesichter. Für Karl-Heinz Wolf, Manfred Anthes, Dieter Lechleiter und ihre Mitstreiter von der Hauptstraßen-BI Waldacker haben sich die Ausflüge in die Kommunalpolitik erledigt. Die B 459 wird umgebaut, die Pläne dazu decken sich weitgehend mit ihren Vorstellungen. Die Koalition aus CDU und FDP lobt unermüdlich die Bürgerbeteiligung. Die Andere Liste sieht sich durch die Dauerpräsenz der Windschutzscheiben-Lobbyisten, so bezeichnet der Fraktionsvorsitzende Stefan Gerl die BI, unter Druck gesetzt. Fakt ist: Mit 1,7 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen wird recht viel für fahrende und parkende Autos und vergleichsweise wenig für Busse und Fahrradfahrer getan. Fakt ist aber auch, dass die Grünen, die bei den Wahlen 2005 und 2006 in Waldacker kräftig zugelegt haben, nach diesem Streit künftig einen schwereren Stand haben werden.

Weit entfernt von jeglicher Normalität - und in diesem Fall wirklich nah an der Hölle - ist das Leben der Familie Schneider aus Ober-Roden. Im Februar erfährt sie, dass ihre Tochter Michelle (7) Leukämie hat. Doch die Schneiders erfahren eine Hilfsbereitschaft, die sie nie erwartet hätten. Ihre Geschichte, die Hoffnung macht und viele unserer vermeintlichen Nöte relativiert, steht morgen in unserer Zeitung.

Quelle: op-online.de

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