Damenfahrrad bringt 100 Euro, goldener Ring bleibt liegen

Zockerkoffer unter dem Hammer: Stadt versteigert Fundsachen

Urberach - 65 Fundgegenstände - Fahrräder, Schmuck, Uhren und beinahe auch der Autoschlüssel des Ersten Stadtrats Jörg Rotter - kamen vor der Kelterscheune unter den Gummihammer. Die Stadt versteigerte Fundgegenstände, deren Besitzer sich nicht gemeldet hatten. Von Michael Löw

Knapp 50 Schnäppchenjäger boten bei der unterhaltsamen Auktion der Vergesslichkeiten mit. Artur Singer, der Chef des Rödermärker Ordnungsamtes, hat Marktschreier-Qualitäten. Die bewies er mit coolen Sprüchen bei der Fundsachenversteigerung am Dienstagnachmittag. Singer pries sie als „Jahrhundertaktion“ an. Nicht, weil er exquisite Juwelen oder alte Meister anzubieten hatte, sondern weil die letzte Auktion in den 1990er Jahren stattgefunden hatte. An die erinnerte sich Erster Stadtrat Jörg Rotter: „Die war im Hof des Ober-Röder Rathauses. Ich habe damals ein Fahrrad ersteigert.“

Unter den Hammer kam, was nach sechs Monaten Aufbewahrungsfrist immer noch im Keller des Urberacher Rathauses herumstand. Dinge also, deren Besitzer sich nie gemeldet hatten und auf die der Finder keinen Anspruch erhob. 65 Gegenstände standen in der Kelterscheune oder lagen auf dem Tisch der Vergesslichkeiten davor. Handys waren zur allgemeinen Verwunderung nicht dabei, obwohl in den vergangenen Monaten ein paar schöne Smartphones im Fundbüro abgegeben wurden. „So was dürfen wir aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr versteigern. Selbst wenn wir das Betriebssystem heruntergefahren haben, können da immer noch Bilder drauf sein“, erläuterte der Leiter des Bürgerbüros, Marco Jähner.

Als Erstes bot Auktionator Artur Singer eine schwarze Steppjacke an - „Nicht gewaschen, nicht gebügelt. Aber es wird ja mal wieder kalt!“ - und fand sofort einen Käufer. Der zahlte zwar nur das Mindestgebot von einem Euro. Doch weg ist weg. Die Abdeckplane für einen Luxus-BMW der 6er-Reihe löste gleich hinterher den ersten Bieterwettbewerb aus. Neunmal gingen Finger nach oben, am Ende wanderte ein Zehn-Euro-Schein in die von Margot Andreas und Martina Weiser gemanagte Kasse. Der neue Besitzer verriet aber nicht, über welches Auto er die Plastikgarage stülpen will.

Auf einer Baustellen-Blinkleuchte blieb Singer allerdings sitzen. Dieses Schicksal teilte die Lampe mit dem teuersten Angebot, einem Goldring. Dessen Wert hatte ein Juwelier auf 600 Euro geschätzt, allein das Material hätte in der Schmelze 100 Euro gebracht. Doch solche Summen mochte zunächst niemand ausgeben.

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Das sah beim ersten der 35 Fahrrad, das Jähner vor die Schnäppchenjäger schob, schon ganz anders aus. Singer kam mit den Ausrufen der Gebote kaum nach. Ein Finger nach dem anderen schnellte nach oben. Bei 76 Euro erhielt Eyup Demir den Zuschlag für das betagte, aber voll funktionsfähige Rennrad. Das will der Mitarbeiter des Ober-Röder Jugendzentrums für sich behalten. Aber er ersteigerte auch mehrere Billigräder, die er für Flüchtlinge zurechtmachen will.

Den größten Erlös, 100 Euro, erzielte Singer für ein Damen-Trekkingrad. Nach gut eineinhalb Stunden waren die meisten Fundsachen weg und 700 Euro in der Kasse. Übrig gebliebene Fahrräder werden verschrottet, zwei alte Kameras, die niemand wollte, kommen in den Elektromüll-Container des Bauhofs. Der Goldring erhält bei der nächsten Fundsachenversteigerung eine zweite Chance. Beinahe wäre auch der Autoschlüssel des Ersten Stadtrats Jörg Rotter unter den Hammer gekommen. Der hatte Singer anfangs assistiert und ging dann anderen Amtsgeschäften nach. Den Autoschlüssel ließ er auf dem Tisch der Vergesslichkeiten liegen...

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Löw

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