Zwischen Hoffnung und Angst

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Zwischen Leid und Lächeln: Michelle Schneider, ihre Eltern und ihre Schwester machten seit Februar unzählige schlimme Stunden durch. Doch seit der Stammzellenübertragung keimt in der Familie wieder Hoffnung, dass die tückische Krankheit besiegt ist.

Ober-Roden ‐ Der Wunsch nach Gesundheit - heute Nacht wird er wieder millionenfach geäußert. Manchmal aus tiefstem Herzen, oft aber auch nur als Anhängsel von Glück und Geld, weil die drei großen „G“ so schön zu einander passen. In kaum einem Rödermärker Haus dürfte er aber so innig geäußert werden wie bei der Familie Schneider in Ober-Roden. Von Michael Löw

Am Fastnachtssonntag erfuhren Uwe und Sandra Schneider, dass ihre Tochter Michelle an Leukämie leidet. Blutkrebs oder Knochenmarkkrebs, die deutschen Worte dafür, drücken die Brutalität der Diagnose klarer als das Griechisch der Mediziner aus.  Michelle und ihre Eltern schöpfen zum Jahreswechsel wieder Hoffnung. Zu verdanken haben sie es einem Sechser im Lotto. Keinem Millionen-Gewinn in Euro und Cent, sondern einem ähnlich unwahrscheinlichen biologischen Zufallstreffer.

Nach einer beispiellosen Hilfsaktion fand sich ein Stammzellenspender, dessen Gewebe-Merkmale zu 90 Prozent mit denen des damals siebenjährigen Mädchens übereinstimmten. Denn die Übertragung von Körperzellen war die einzige und letzte Chance, Michelles Leben zu retten. Kranke weiße Blutkörperchen hatten sich bis zum Sommer explosionsartig vermehrt und die zum Sauerstofftransport nötigen roten Blutkörperchen verdrängt. Eine Chemotherapie, der Klassiker in der Krebsbehandlung, schlug nicht mehr an.

Vater Uwe kann sein Glück immer noch nicht recht fassen

Am Anfang waren‘s Michelles Mittänzerinnen von den Majoretten der Turngemeinde Ober-Roden, die mit der Sammelbüchse klapperten. Die Suche nach einem Stammzellenspender ist teuer. Jede Typisierung, also die Bestimmung der Gewebe-Merkmale, kostet 50 Euro. Der Aktion der Majoretten schloss sich nach und nach die ganze Turngemeinde an. Rotes Kreuz, die Kirchengemeinden, Turnerschaft und Germania stellten ebenfalls Benefizveranstaltungen auf die Beine, die weit über Rödermark hinausragten. Am 13. September ließen tausend Menschen ihr Blut vom Roten Kreuz bestimmen und sich in die Stammzellenspenderdatei des DRK-Blutspendedienstes eintragen. „Damit habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet, ich habe vielleicht 300 Leute erwartet“, kann Michelles Vater Uwe sein Glück immer noch nicht recht fassen.

Wurde Michelles möglicher Retter an diesem Tag gefunden? Fest steht nur, dass er aus der Umgebung kommt. Einzelheiten behält das Rote Kreuz aus gutem Grund für sich. Spender und Empfänger sollen einander nicht kennen lernen, zu groß sind die Unwägbarkeiten auch nach der Transplantation. Die fand Anfang November in der Frankfurter Uniklinik statt.

Der Akku der Mutter ist erst einmal leer

Michelles Immunsystem wurde dafür fast auf Null runtergeschraubt“, schildert Uwe Schneider eine der kritischsten Phasen. Nur wenn sich der Körper des Mädchens nicht wehrt, können die fremden Zellen übertragen werden. Andererseits kann auch der kleinste Schnupfen tödlich sein. Michelle lag wochenlang auf der Isolierstation.

Ihren achten Geburtstag durfte sie am 4. Dezember daheim feiern. Damit kehrte ein bisschen Normalität bei den Schneiders ein. Uwe Schneider: „Es war uns wichtig, dass Michelle wenigstens annähernd das machen kann, was sie vor ihrer Krankheit getan hat.“ Freundinnen dürfen sie seither zumindest einzeln besuchen, die Hauslehrerin kommt ebenfalls wieder.

Trotzdem hatten wir sehr, sehr schwere Weihnachten“, räumt Uwe Schneider ein, dass ein geregeltes Familienleben noch weit weg ist. Seit ein paar Tagen plagen Angstgefühle seine Frau Sandra. Jetzt komme alles hoch, was sich in ihr über Monate aufgestaut hat. Seit Februar verbreitete Sandra Schneider Optimismus und mütterliche Stärke, nach einer langen Zeit tapferen Kämpfens ist ihr Akku erst einmal leer.

Spenden für Kinder, denen es noch schlechter geht

Die Angst wohnt noch lange Zeit bei den Schneiders. Allen positiven Anzeichen zum Trotz wissen sie erst in einem halben Jahr, ob Michelles Körper die fremden Zellen akzeptiert - und auch dann haben sie erst 95-prozentige Klarheit. Rückfälle drohen ein ganzes Leben.

Dennoch denken sie über ihr eigenes Schicksal hinaus. Uwe Schneider freut sich, dass die insgesamt 1300 Typisierungen für Michelle auch 1300 potenzielle Spender für andere Krebspatienten gebracht haben. Und dank der guten Beziehungen von Wolfgang Müller (siehe: „Der Mann in Hintergrund“) kann die Familie Schneider mehrere tausend Euro für Kinder spenden, denen es noch schlechter als ihrer kleinen Michelle geht.

Der Mann im Hintergrund

Wolfgang Müller, Vorsitzender des Roten Kreuzes Ober-Roden und Steuerberater, war der Strippenzieher im Hintergrund. Er handelte mit dem DRK-Landesverband aus, dass der einen Teil der Kosten übernimmt. Sonst hätte die Familie Schneider für jede Typisierung 50 Euro und alles in allem rund 60.000 Euro aufbringen müssen. Müller deckelte diesen Eigenanteil auf 40.000 Euro, den Löwenanteil der Spenden von insgesamt fast 47.000 Euro. Den Rest wollen die Schneiders an den Elternverein der Kinderkrebsklinik in Frankfurt weiterleiten. Müller kümmerte sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit und die Sammelerlaubnis, ohne die die Benefizaktion an bürokratischen Hürden hätte scheitern können.

Quelle: op-online.de

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