Zwischen Bio und Schokoriegel

Rödermark - Bio ist uncool, gesundem Essen haftet bei Kindern und Jugendlichen ein fader Beigeschmack an. Da kann die ständig wachsende Riege der Fernsehköche noch so oft über die Zusammenhänge von hochwertiger Nahrung und gutem Bauchgefühl philosophieren. Von Michael Löw

Die Damen, die im Bistro der Nell-Breuning-Schule mehrere hundert Schüler und einige Lehrer verköstigen, haben da das ein oder andere Gegenrezept in petto. Beim bundesweiten „Tag der Schulverpflegung“ hatten sie unter anderem eine Extraportion ihrer Biokäsestangen mit Kopfsalat, Tomaten und Gurken belegt. 300 davon bringen sie täglich an die Kundschaft. „Angefangen haben wir mit vier Stück, die wir noch ganz verschämt in Servietten verpackt haben“, erzählt eine langjährige Bistro-Mitarbeiterin, die seinerzeit die Idee dazu hatte.

Betrieben wird das Bistro vom Förderverein der NBS, und der sieht sich mit vielen Widersprüchen und Ungereimtheiten konfrontiert. Viele Kinder sind in Familien daheim, in denen Produkte aus dem Bio-Supermarkt oder dem Hofladen regionaler Bauern auf den Tisch kommen. Gesundes Essen scheint also Familienpflicht zu sein. Gleichzeitig beobachtet die Fördervereinsvorsitzende Angelika Fuchs , dass immer mehr Schüler ohne Frühstück in die Schule kommen.

Besonders groß ist der Anteil der Hungrigen beim morgendlichen „Early Sport“, den Angelika Fuchs auf 90 Prozent schätzt. Denen will der Förderverein nächstes Jahr eine kleine Müsli-Bar in die Turnhalle stellen. Je älter die Schüler sind, desto häufiger fällt das Frühstück ein paar Minuten mehr im Bett oder im Bad zum Opfer. Was sich andererseits auch wieder nicht verallgemeinern lässt. Angelika Fuchs : „Wenn das gemeinsame Frühstück in der Familie Tradition hat, setzt sich das bis in höheren Klassen hinauf fort.“

Irreführende Kelloggs-Werbung

Aber auch diese Eltern stellen ihren Kindern häufig das hin, was Ernährungsberaterin Sabine Hahn „Alibi-Müsli“ nennt - nämlich Cornflakes & Co. „Diese Eltern glauben, sie ernähren ihre Kinder gesund. Doch in Wirklichkeit fallen sie auf die Kelloggs-Werbung rein, die einen gesunden Start in den Tag suggeriert“, kritisiert die Fachfrau. In ein richtiges Müsli gehören ihrer Meinung nach Körner, Haferflocken und Milch.

Die Verführer lauern aber auch anderswo. Der Bäcker auf dem Schulweg und ein paar Euro in der Tasche sind zum Beispiel eine süße, jedoch leider selten eine ernährungswissenschaftlich korrekte Kombination. Gefühlte 100 mal pro Schicht kriegen die Bistro-Damen Klagen vom Kaliber „Hilfe, ich bin zu fett und muss dringend abnehmen!“ zu hören. Auf der anderen Seite des Tresens stehen dann durchaus hübsche Mädchen in der Pubertät, die am Abend zuvor „Germany"s next Topmodel“ oder ähnliche Castingshows gesehen haben.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Sabine Hahn. Normalgewichtige Jugendliche bilden schon beinahe die Ausnahme. Oft sind gerade 13- oder 14-Jährige extrem dünn oder neigen zu Übergewicht. Bei 1,50 Metern Größe sind das aber nicht ein oder zwei, sondern gleich fünf oder sechs Kilo. Und zunehmend werden auch normalgewichtige Kinder als zu dick verlacht.

All diesen Geschmäckern und Macken versucht der Förderverein in seinem Bistro gerecht zu werden. Seine Mitarbeiterinnen verkaufen am Tag etwa 400 belegte und unbelegte Teile vom Bäcker, 100 Schnitzel, 50 Würstchen und ungezählte Schokoriegel. Die gesunde Seite des Sortiments umfasst besagte Biostangen, Obstbecher, Rohkostteller und ein Müsli, das auch Sabine Hahns Ansprüchen gerecht wird. Die 145 Mittagessen bestehen nach Auskunft von Angelika Fuchs „zu 70 Prozent aus Bio“. Doch weil"s nirgendwo drauf steht, schmeckt"s der verwöhnten Kundschaft.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Andreas Morlok/pixelio.de

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