Ober-Roden

Zwischen Strafbank und Seelsorge

Ober Roden - (lö) Im Trainingsraum der NBS landen Jugendliche, die Lehrern auf die Nerven gehen und Mitschüler vom Lernen abhalten.

Murat (6. Klasse, 16 mal), Sebastian (7. Klasse, 9 mal), Felix (6. Klasse, ebenfalls 9 mal), Dimitrij (6. Klasse, 8 mal): Die Namen sind erfunden, die Zahlen dahinter sind Realität. Sie zeigen, welche Kinder und Jugendliche zwischen August und Januar wie oft zu Christa Drohmann in den Trainingsraum der Nell-Breuning-Schule kamen. Freiwillig gingen sie nicht hin, ihre Lehrer haben sie geschickt, weil sie den Unterricht ganz massiv gestört haben. 229 „Besuche“ verzeichnet Christa Drohmanns Bilanz für das erste Halbjahr.

Die Schüler schwätzen permanent, essen ohne Rücksicht auf teure Bücher und ihre Banknachbarn, kibbeln mit den Stühlen, verwechseln die Turnmatte mit einem Boxring, schmeißen mit Kreide oder haben mit einer Papierkügelchen-Schlacht eine Mathearbeit gekippt. Das Sündenregister enthält so ziemlich alles, was Lehrer an die Grenzen ihrer Geduld bringt und Klassenkameraden wirksam vom Lernen abhält. Im Trainingsraum sollen die Störenfriede erst mal runter kommen.

Von Kuschel-Pädagogik ist dort nichts zu spüren. Eine Handvoll Stühle und Tische sowie etliche Blätter voller Benimm-Regeln an den Wänden sind schon rein optisch so etwas wie die gelbe Karte auf dem Fußballplatz. „Und dort diskutiert der Schiedsrichter auch nicht mit den Spielern“, macht Christa Drohmann klar, was Sache ist: „Der Unterricht muss schnell entlastet werden!“

28 Jahre brachte sie Ober-Röder Grundschülern Lesen, Rechnen und Schreiben bei. In dieser Zeit, so erzählt die ehemalige Trinkborn-Lehrerin, habe sie „unzählige Stunden verschwendet, um mich mit schwierigen Schülern zu streiten“. Als NBS-Rektor Jochen Zeller vorm Sommer nach pädagogisch versierten Helfern für den Trainingsraum suchte, sagte die Ruheständlerin sofort zu. Seither teilt sie sich diese schwierige Aufgabe auf 400-Euro-Basis mit Elke Korten, der Elternbeiratsvorsitzenden der Trinkbornschule, und der Sozialpädagogik-Studentin Nina Till.

An der NBS gelten drei eigentlich ganz simple Regeln:

Jeder Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen

Jede Lehrkraft hat das Recht, ungestört zu unterrichten

Jeder hat das Recht des jeweils Anderen zu respektieren.

Wer mehrfach dagegen verstößt, landet früher oder später im Trainingsraum. Christa Drohmann und ihre Kolleginnen haben reichlich Sanktionsmöglichkeiten. Die beruhen auf Vereinbarungen zwischen Trainingsraum-Team, Schulleitung und Gesamtkonferenz. Die Strafen reichen von schriftlichen Benachrichtigungen des Klassenlehrers über Elterngespräche und Nachsitzen freitags mittags bis hin zum mehrwöchigen Schulverweis, den allerdings nur Rektor Jochen Zeller aussprechen darf. Eingangs erwähnter Sechstklässler verbringt seine Auszeiten übrigens in der Oberstufe. Den Trainingsraum betrat er in echter Macho-Pose - so nach dem Motto „Hey Jungs, seht her: Ich bin‘s!“

So etwas bleibt aber die Ausnahme. Grundsätzlich sollen die Schüler im so genannten Rückkehrplan über ihre Fehler nachdenken und erläutern, wie sie Ausflüge in den Trainingsraum künftig vermeiden.

Die 229 „Besuche“ verteilen sich auf 109 Schüler. Für 63 blieb der Trainingsraum eine einmalige Strafe, 22 mussten zweimal hin. Die 24 Mehrfach-Delinquenten sind nach Ansicht von Christa Drohmann bei knapp 1 600 Schülern kein Grund zur Sorge.

Nicht immer liegen die Lehrer richtig. Nur wenige Wochen nach Schuljahresbeginn musste Christa Drohmann bei einem Fünftklässler erst Mal zehn Minuten Tränen trocknen, bevor der überhaupt erzählen konnte, was los war. Wegen „rassistischer Äußerungen“ trat gar ein Oberstufenschüler den Weg in den Trainingsraum an. „Schoko“ hatte er einen farbigen Mitschüler gerufen. Dass der sein Kumpel ist und sich regelmäßig mit „Vanille“ revanchiert, konnte der Vertretungslehrer nicht wissen. Christa Drohmann: „Ich befinde mich immer auf der Kippe zwischen Seelsorgerin und jemandem, der die Schüler richtig zur Räson bringt!“

INFO-ECKE

Der NBS-Trainingsraum geht auf ein Konzept des Amerikaners Edward Ford aus dem Jahr 1994 zurück. In Deutschland wurde es von Professor Stefan Balke (Bielefeld) bekannt gemacht.

Die NBS richtete ihren Trainingsraum vor zwei Jahren ein, zunächst wurde er von drei Lehrern während ihrer Freistunden betreut.

Seit Sommer 2008 ist der Förderverein Träger, seither gelten dort verbindliche Öffnungszeiten: montags bis freitags von 9 bis 13.30 Uhr.

Die Finanzierung des Projektes ist zunächst einmal bis zum Sommer diesen Jahres gesichert. lö

Quelle: op-online.de

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