Die Rollen vertauscht

Wer ist der Schriftsteller, wer der Kaufmann? Dies fragt sich das Publikum mitunter. Verlegerlegende Siegfried Unseld redet über Literatur, Dichtergenie Thomas Bernhard über Geld. Dieser Rollentausch macht den Reiz einer Lesung aus ihrem soeben bei Suhrkamp erschienenen Briefwechsel aus. Von Markus Terharn

Im Großen Haus am Schauspiel Frankfurt sind die Sympathien schnell verteilt. Vor einem aussagestarken Foto, das die Antagonisten bei einem Pressetermin zeigt, sitzt rechts Ensemblemitglied Wolfgang Michael als Bernhards Alter Ego. Verzieht wehleidig das Gesicht, fordert Darlehen und Vorschüsse, beklagt sich über schlechte Vermarktung seiner Bücher, will geleistete Unterschriften zurückziehen. Links hockt TV-Star Wolfram Koch in der Unseld-Partie. Hat Kreide gefressen, begütigt den Korrespondenzpartner mit wahrer Engelsgeduld, gibt in der Sache jedoch keinen Zoll nach, pocht auf Einhaltung geschlossener Verträge.

Tonfall und Mimik, aus den Dokumenten regelrecht herauszulesen, treffen beide Schauspieler perfekt. Nur zu gern wäre der Zuschauer Mäuschen bei einem der Treffen gewesen, zu denen Bernhard (1931-1989) Unseld (1924-2002) genötigt hat. Einiges über den Verlauf geht aus Notizen hervor, die Unseld angefertigt hat und die ebenfalls zum Vortrag kommen. Der Mensch kann einem leid tun!

Interessanterweise fehlt Bernhard, wo er die Krämerseele hervorkehrt, jener gallige Witz, der seine Prosa und Dramatik auszeichnet. Dagegen gewinnt Unselds fast buchhalterisch nüchternes Deutsch Format, wenn er die Beziehung beider auf den Punkt bringt: Als „einprägsam mit Untertönen von Freundschaft“ charakterisiert er eine Begegnung, spricht von Vertrauen wie von Misstrauen. Doch die Schlusspointe gehört Bernhard: „Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben“ – das ist ein Lacher ...

Quelle: op-online.de

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