Rückblick auf ein Jahr zum Haareraufen

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Urban Priol

Schon mal überforderte Besucher auf der Suche nach ihrem Platz beobachtet? In der Offenbacher Stadthalle fiel es vielen schwer, sich zu orientieren. Ohne Ordner hätte bis weit nach 23 Uhr Chaos geherrscht. So lange verausgabte sich Kabarettist Urban Priol. Von Ferdinand Rathke

Selbst die Pause überforderte die Zuschauer: In knapp 15 Minuten die überlaufenen Toiletten aufsuchen, um dann an der übervölkerten Bar etwas zu trinken zu bestellen, kam einer Aufgabe in der parallel ausgestrahlten TV-Sendung „Schlag den Raab“ gleich.

Aus dem Kanzleramt käme da keine Hilfe. „Alles smarte Aussitzer mit Kalkül“, weiß der Aschaffenburger im knallbunten Hemd, der mit Georg Schramm im ZDF Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in „Neues aus der Anstalt“ seziert. Der 48-Jährige drückt mit der Frisur aus, was das Publikum über die pointierten Wortkaskaden denkt, die er im Jahresrückblick „Tilt“ von sich gibt: Da stehen einem ja die Haare zu Berge!

Was in Berlin gemauschelt, gemauert, gemeckert und gemenschelt wird, ist vom Feinsten. Als Hauptübeltäterin macht der Besitzer des Kleinkunsttheaters Hofgarten Angela Merkel aus. Mit faszinierenden Kenntnissen und täuschend echter Stimme enttarnt er sie als Strategin, die vom Ende her lenkt. Etwa Guido Westerwelle, der zwischen den Möchtegern-Außenministern Karl-Theodor zu Guttenberg und ihr zerrieben wird. Ja, er entdeckt bei der Volkskanzlerin einen erbkoordinierten Trieb, wie bei der Gottesanbeterin, die nach der Hochzeit das Männchen verspeist – „Westerwelle hat nur noch nicht gemerkt, auf was er sich da eingelassen hat.“ Von dieser Warte zwischen Amüsement und Hofnarren-Wahrheiten haben die wenigsten Politik betrachtet.

Finanzkrise, Klimagipfel, Afghanistankrieg, Bankengier

Priols Instinkt entgeht gar nichts. Als Petitessen erweisen sich Finanzkrise, Klimagipfel, Afghanistankrieg, Bankengier und Wahlkampf – das muss ohnehin mit viel Wortwitz abgehakt werden. Auch SPD-Debakel, Linken-Aufschwung und FDP-Aufstieg thematisiert der Bayer mit fast hessischem Dialekt. Aus Ypsilanti-Schlappe, Koch-Wiederwahl und Bouffier-Prophezeiungen kitzelt sein kesses Mundwerk ungeahnte Pointen heraus. Althaus-Unfall, Obama-Wahn und Ministerwechsel trotzt Priol das eine oder andere Bonmot ab.

Doch über allem thront der fleischgewordene Hosenanzug mit herabgezogenen Mundwinkeln, der frei nach den „Waltons“ beschwört: „Alles halb so schlimm – gute Nacht, John Boy!“ Das Volk antwortet brav: „Gute Nacht, Mutti!“ Und eins ist sicher, schließt Priol. „Auch das nächste Jahr wird genauso bescheuert wie das gehabte. In diesem Sinne: Besinnliche Zeit!“

Quelle: op-online.de

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