Rückkehrer versus „innere Emigranten“

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Alfred Döblin (hier 1947 in Berlin) wurde nach der Rückkehr aus dem US-Exil in Deutschland nicht mehr heimisch.

Beim Stichwort „Deutsche Nachkriegsliteratur“ denkt jeder gleich an Namen wie Böll, Grass, Lenz. Doch die Deutungshoheit der Gruppe 47 über das geistige Leben der Bundesrepublik begann erst Ende der 50er Jahre. Zuvor gaben andere den Ton an.  Von Markus Terharn

Prägenden Schriftstellern der Aufbau-Ära widmet sich die gestern Abend eröffnete Ausstellung „Doppelleben“ im Literaturhaus Frankfurt. Von der starken Kontinuität nach der NS-Zeit war Kurator Helmut Böttiger selbst verblüfft. Autoren wie Kasimir Edschmid, Rudolf Alexander Schröder und Frank Thiess, der den Begriff der „inneren Emigration“ populär machte, dominierten den Buchmarkt und die Feuilletons, schwangen Festreden, nahmen Einfluss als Funktionäre. Die christliche Schicksalsmetaphorik ihrer Werke passte in eine Epoche, in der die Deutschen sich vorzugsweise als Opfer sahen.

Werbeplakat für die erste Frankfurter Buchmesse .

Das Feindbild war Thomas Mann. Daran war der Nobelpreisträger nicht unschuldig; hatte er doch den zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedruckten Büchern einen „Geruch von Blut und Schande“ bescheinigt und empfohlen: „Sie sollten alle eingestampft werden.“ So ungerecht das war, so peinlich sollte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ihre Mann-Beschimpfung zum 75. Geburtstag (1950) sein. Diese Kontroverse stimmt Besucher im Foyer ein auf die Schau im ersten Stock. Deren größte Leistung ist, in bemerkenswerter Knappheit und Treffsicherheit die Protagonisten zu charakterisieren. Da ist Edschmid, Opportunist und graue Eminenz des Literaturbetriebs. Immerhin verdankt seine Heimatstadt Darmstadt ihm den Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, deren 60. Geburtstag Anlass dieser Präsentation ist, und des nationalen P.E.N.-Zentrums.

Groß war auch der Lesehunger im zerstörten Deutschland, wie diese Aufnahme von 1946 beweist.

Dann Thiess, dessen vergessener Roman „Das Reich der Dämonen“ ein Ereignis war und der den Emigranten das berüchtigte Wort von den „Logen- und Parterreplätzen des Auslands“ um die Ohren schlug. Hermann Kasack, als einer von wenigen mit Anstand durchs Dritte Reich gegangen und mit „Die Stadt hinter dem Strom“ ein erzählerisches Kaliber. Und Schröder, formvollendeter Lyriker, dessen „Land des Glaubens“ beinahe zur Nationalhymne geworden wäre.

Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2.

Geöffnet bis 18. Oktober: Dienstag bis Freitag 14 bis 20, Sonntag 12 bis 19 Uhr.

Das Begleitprogramm gibt es auf der Internetseite des Frankfurter Literaturhauses.

Ihnen stehen die Zurückgekehrten gegenüber: Mann, 1949 mit Goethepreisen in Frankfurt und Weimar geehrt. Gottfried Benn, dessen Poesie seine frühe Nähe zum Nationalsozialismus vergessen ließ und der dieser Ausstellung den Titel lieh. Alfred Döblin, der die Mainzer Akademie der Wissenschaften um eine Literaturabteilung bereicherte. Bert Brecht, der sich für Ostberlin entschied und im Westen daraufhin als DDR-Autor galt. Oder Johannes R. Becher, eigentlicher Staatsdichter der DDR. Einen regionalen Schwerpunkt bildet die erste Frankfurter Buchmesse in der notdürftig wiederhergestellten Paulskirche. Rekonstruierte Verlagsstände ermöglichen spannende Einblicke in das, was Deutschland 1949 las.

Quelle: op-online.de

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