Sammeln gegen Vergessen

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Bild von Werner Scholz „Halbweltdame am Caféhaustisch“ aus dem Jahr 1929

Aschaffenburg - Was man eigentlich von großen Museen in München oder Berlin erwartet hätte, passiert nun in Aschaffenburgs Kunsthalle Jesuitenkirche. Von Reinhold Gries

Der schon lange wider das Vergessen angehende Kunstsammler Gerhard Schneider erinnert mit Museumsleiterin Christiane Ladleif an das dunkelste Kapitel deutscher (Kunst-)Geschichte in sehr aufwändiger Ausstellung. Im Mittelpunkt steht die genau vor 75 Jahren eröffnete zentrale NS-Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ in Münchens Hofgartenarkaden. Schneider zum neuen Stand der Forschung: „Nach 22 kleineren Vorläuferausstellungen startete damit die zweite, noch größere Diffamierungs- und Vernichtungswelle zur modernen Kunst, die sich in 12 weiteren ähnlichen Schauen bis 1941 fortsetzte.“

Kunstsammler Gerhard Schneider vor Heinrich Maria Davringhausens „Frau mit Vorhang“ (um 1927) 

Auf Anordnung von Hitler und Propagandaminister Goebbels kam es 1937 zur Blitzaktion. Die Nazis rafften 21 000 Kunstwerke von 1400 Künstlern zusammen, Reichskunstkammerpräsident Adolf Ziegler ließ sie „sicherstellen“ und über 600 Gemälde, Plastiken, Grafiken, Fotografien und Bücher von 120 Künstlern auswählen. In chaotischer Art wurden sie in neun halbdunkle, schmale Räume gepfercht und mit Prädikaten versehen wie „gequälte Leinwand“, „seelische Verwesung“, „krankhafte Phantasien“ oder „geisteskranke Nichtskönner“.

Attacken der NS auf die Morderne

NS-Attacken auf die Moderne gab es schon vor 1933. Ab 1928 geißelte z.B. Thüringens NS-Volksbildungsminister Frick in Weimar „undeutsche“ Einflüsse am Bauhaus, ließ Schlemmer-Wandbilder übermalen und aus dem Schlossmuseum Moderne entfernen. Nach der Machtergreifung rollte – neben Bücherverbrennung, Ankaufsverbot für „nichtarische“ und „entartete“ Werke sowie Kampagnen gegen moderne Musik – die NS-Liquidationswelle gegen sog. „Verfallskunst“ der verhassten Weimarer Republik.

Das von Hitler schon 1920 geforderte totale Verbot jeglicher Kunst der Moderne wurde rücksichtslos umgesetzt. Man entließ Museumsdirektoren und Hochschullehrer, entfernte neue Malerei und Grafik aus Museen, konfiszierte und verkaufte sie, um sie für Devisen ins Ausland zu verkaufen. Oder man diffamierte oder zerstörte die verfemte Kunst. Der Bildersturm ging weit über Entrechtung und Enteignung jüdischer Sammler hinaus, auch in München waren nur acht jüdische Künstler vertreten.

Zwei Millionen sahen die NS-Propagandaschau

Erstaunlich waren die Folgen. Bis November 1937 drängten sich zu den „Entarteten“ zwei Millionen Besucher – die größte Zahl, die eine Ausstellung bis dahin hatte. Die tags zuvor beginnende Münchener NS-Vorbild-Schau „Große Deutsche Kunstausstellung“ im neuen „Haus der Kunst“ – meist bestückt mit zweit- und drittklassiger Historien-, Akt- und Landschaftmalerei – brachte es auf 400.000 Besucher…

Nicht beabsichtigt auch, was Christoph Zuschlag vom Berliner Forschungsprojekt „Entartete Kunst“ resümiert: „Der Exodus von Künstlern und Intellektuellen prägte die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland wie in den Exilländern…Die deutsche Moderne erfuhr internationale Verbreitung, ihr Bekanntheitsgrad stieg. Die Stilisierung verfolgter Avantgarde-Künstler beeinflusste die Entstehung des Mythos der Moderne.“

Das und vieles mehr kann man aus Schneiders Sammlung verfemter Kunst herauslesen, in der es nicht nur um Berühmtheiten geht. Viele unbekannte Künstler der „verschollenen Generation“, auch in München präsent und dann auf Tournee geschickt, lernt man neu kennen. Schneider: „Die Verfemten erhielten kein (privates) Mal- oder Ausstellungsverbot, sondern Berufsverbot durch Ausschluss oder Nichtaufnahme in die alles kontrollierende Reichskulturkammer. Das brachte für viele Ruin, Depression und Tod. Spuren verloren sich, ich werde ihnen weiter nachgehen“.

Arche überlebender Kultur

„Moderne am Pranger“ vom 20. Juli bis 11.November in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag von 14-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10-17 Uhr

Seine Auswahl im Kirchenschiff wirkt wie eine Arche überlebender Kultur. Darin finden neben Otto Muellers Badenden, Franz Marcs Tierbildern, Noldes Fabelwesen und Kandinskys Farbspielen auch Fritz Schaeflers „Gewittersonne“, Richard Heinrich Kamps „Mecklenburgischer Landschaft“ und Otto Herbigs „Mutter mit Kind“ Platz. „Otto Pankoks Zigeunerbilder waren rassisch unerwünscht, dieses Mädchens mit blonden Zöpfen blickte den Nazis zu selbstbewusst“, deutet Schneider.

Was „undeutsch“ an Barlachs Studien „Der Müde“ und „Demut“ war, versteht man ebenso wenig wie der Grübler in Güstrow. Expressiven Aufschrei und innere Wahrheit von Georg Grosz´ beinamputiertem Held, Werner Heusers Kriegsbilderbogen, Jansens „Arbeiteraufstand“ oder Bernhard Kretzschmars „Harte Menschen“ ertrug NS-Gehirnwäsche noch weniger.

Quelle: op-online.de

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