Sardinenbüchsen und Pfeffermühlen

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Es gibt selbst in hektischen Zeiten noch einen ruhenden Pol: Max Goldt las im Frankfurter Mousonturm

Frankfurt - Max Goldt beschäftigt sich bevorzugt mit Dingen, die meist unbeobachtet oder doch zumindest unkommentiert bleiben. Von Stefan Michalzik

Phänomene am Rande des Zeitgeschehens, die das ästhetische Empfinden stören. Eine besonnene Haltung ist es, die der Autor – oder sein lyrisches Ich, das mit ihm selber weitgehend überein liegen dürfte – grundsätzlich einzunehmen pflegt. Man stößt sich an etwas, die Welle der Erregung schwappt aber nicht besonders hoch.

Die Dinge sind indes durchaus von Belang, denn schließlich geht es darum, dass diese Welt besser wird, was eine Frage der kleinen Dinge nicht weniger als der großen ist. Doch mag ein Umstand auch als noch so belästigend empfunden werden, so ist das immer noch kein Grund, um sich in einen Zustand ernstlicher Aufwallung von Gefühlen hineinzusteigern.

Die Dinge brauchen eine gewisse Ebenmäßigkeit. Eine Ordnung und einen Fluss. Eine schöne Regelmäßigkeit, wie jene zum Beispiel, mit der Max Goldt seit zwei Jahrzehnten mit nur wenigen Unterbrechungen Jahr für Jahr ein Buch sowie ein Hörbuch herausbringt – und immer um Weihnachten herum im Zuge seiner Lesereise für zwei Abende in den Frankfurter Mousonturm kommt. Hinterher signiert er im Foyer artig seine Bücher. Alles um ihn wirkt ungemein aufgeräumt. Launenhaftigkeit scheint dem Manne fremd zu sein. Sollte sich das anders verhalten, dann dürfte es wohl sein Anstand sein, der es ihm gebietet, das mit sich selber auszumachen.

Die Abende mit Max Goldt sind geeignet, um sich wohl zu fühlen. Mit ihm und seiner gepflegten, unaufdringlich milde dandyhaften Aura, mit den lustigen Texten und der angenehm entspannten Atmosphäre, die er verbreitet. Von was für einem ganz anderen Kaliber sind doch beispielsweise die Leute von der Gesellschaft für deutsche Sprache. Jahr für Jahr posaunen sie ein ,,Unwort des Jahres“ in die derlei begierig aufsaugende Medienwelt hinaus. Laut Max Goldt ist das eine „pseudokritische Quatschaktion“ wider sprachliche Lapsusse, die man besser „unter dem Mantel der Nichtzurkenntnisnahme vermodern ließe“.

„Gattin aus Holzabfällen“, das neueste Buch, unter dessen Titel auch die Lesereise firmiert, ist eine Sammlung von Fotografien mehr oder weniger grotesken Gehalts, die auf verschiedene Jahrzehnte zurückgehen. Max Goldt hat dazu frei fantasierte Bildunterschriften verfasst, die zuerst im Satiremagazin „Titanic“ erschienen sind. Da ist etwa die Aufnahme einer geöffneten Sardinendose, in die hinein ein historisches Hochzeitsfoto montiert worden ist. Goldt erinnert an die Sauerei, die regelmäßig beim Versuch drohte, Sardinendosen mit dem zu diesem Zwecke angeklebten Schlüssel zu öffnen, der in eine überstehende Lasche gesteckt und dann gedreht werden musste. Die entstehende Sauerei, so schließt Goldt, sei „für die Sechziger und Siebziger Jahre typischer“ gewesen „als die wilde Sexualität, die man damals in Wohnkommunen vermutete“.

Feinsinniger Humor

Es ist das Parlando, der auf der Grundlage einer sonoren Stimme entstehende melodiöse Fluss, der solcherlei Sätzen eine Pointierung verschafft, die erst in Max Goldts Vortrag ihre Vollendung findet. Die Welt ist dank dieses wunderbaren literarischen Unterhalters eine bessere. Zumindest für den einen Abend im Jahr.

Quelle: op-online.de

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