Höflinge auf Welterkundung

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Keiner kennt die Regeln: Lisa Stiegler und Henrike Johanna Jörissen.

Frankfurt - Für gewöhnlich folgt nach antiker Tradition das Satyrspiel der Tragödie, am Frankfurter Schauspiel hält man’s umgekehrt. Von Stefan Michalzik

Bevor in einem Monat auf der großen Bühne „Hamlet“ in der Regie des Intendanten Oliver Reese herauskommen soll, hat die junge schweizerische Regisseurin Barbara Wolf in der Box Tom Stoppards Shakespeare-Paraphrase „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ inszeniert.

Das auf 1967 zurückgehende Stück, auf dessen Erfolg der Weltruhm des britischen Dramatikers gründet, ist durchaus zu Recht mit „Warten auf Godot“ verglichen worden. Bei Samuel Beckett freilich ist das Schweigen konstituierend, derweil bei Stoppard viele Worte gewechselt werden.

Alles mutet ein bisschen abgerissen an: Martina Zirngasts mit fahlfarbenen Stoffbahnen bespannte Bühne wie die elisabethanisierenden Kostüme von Susanne Reul. Hinten an der Wand steht eine Reihe altertümlicher Kinosessel, die ganze Szenerie wirkt wie von gestern, wie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Wie die beiden jungen Schauspielerinnen, mit denen die mit einem wider Hamlet gerichteten Mordauftrag versehenen Höflinge Rosenkranz und Güldenstern besetzt sind, so nebeneinander dastehen mit ihren Sturmfrisuren und dem ins Publikum gerichteten Blick, wirken sie wie ein Paar auf Welterkundungsreise in einem Märchenspiel für Kinder. Henriette Johanna Jörissen als Güldenstern ist der knabenhaft-kecke Teil, Lisa Stiegler der etwas verhaltenere weibliche.

Nicht zu knackende Rätsel aufgeben

Mit der Welt ist es freilich ein Kreuz. Allüberall philosophisch-existenzielle Wirrnisse, die nicht zu knackende Rätsel aufgeben. Eine Münzwette hebelt die Gesetze der Wahrscheinlichkeit aus. Das Leben – ein Spiel nach Regeln, die keiner kennt. Wo Kausalitäten nicht mehr zählen, bleibt am Ende nur die Sprache.

Aus der verschobenen Perspektive heraus hält sich Stoppard über die drei Akte hinweg weitgehend an den Handlungsstrang der Tragödie; immer wieder zitiert er Teile aus den Dialogen. Natürlich taucht auch die in der Frankfurter Inszenierung auf zwei Personen – Henriette Blumenau und Moritz Pliquet – geschrumpfte Theatertruppe auf, die am Hof von Helsingör gastiert, samt einem für den Formdrechsler Stoppard charakteristischen spielerischen Wechsel der Wirklichkeitsebenen und einer Reflexion über das Theater und die unheilbringende Orientierung an der allgemeinen Erwartung.

Die Frankfurter Inszenierung wirkt in der Spielweise artifiziell, es wird manieriert gesprochen. Da wird zwar selbst in dem engen Raum dieser ins Foyer gesetzten Theaterhöhle ein Maß an Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum aufgebaut. Womit Wolf Stoppards dramatischem Illusionskonstrukt durchaus entspricht und gerecht wird, zugleich aber auch eine Brücke geschlagen, die auf dem Charme einer gewissen Intimität gründet. Kann man machen. Das große Theater folgt später.

Im Grunde ist bei Barbara Wolf, in deren nahezu gänzlich weiblich besetztem Ensemble und Team der einzige Mann zeitgenössisch-jung und verschlurft ist, über die antipodische Aufteilung der beiden Paare hinweg alles nur Theatertruppe. Das Spiel und das Spiel im Spiel werden mehr oder weniger eins. Das hat etwas Schlagendes, wenn die Welt ohnedies als Gaukelei, als Hort des Absurden erscheint.

Weitere Aufführungen am heutigen 3. November sowie am 18. Dezember. Karten unter Tel: 069 212-49494.

Quelle: op-online.de

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