Theater „Schachnovelle“: Rettung und Untergang

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Siemen Rühaak als von den Nazis verfolgter Anwalt.

Frankfurt - Wer Schach liebt, weiß, welche Magie diesem komplizierten Denksport innewohnt. Von Maren Cornils

Doch kann man ein ganzes Theaterstück mit einem Schachspiel bestreiten? Dass dies möglich ist, hat Frank Matthus mit seiner Inszenierung von Helmut Peschinas Bühnenfassung „Schachnovelle“ von Stefan Zweig schon vor einiger Zeit im Fritz-Rémond-Theater in Frankfurt bewiesen. Jetzt wurde das fesselnde Kammerspiel wieder in den Spielplan aufgenommen, und schafft es auch in der Verlängerung mühelos, das Zoo-Theater zu füllen.

Man schreibt das Jahr 1938: Auf einem gen Rio fahrenden Kreuzfahrtschiff frönt eine illustre Gesellschaft dem Nichtstun und gibt sich zum Zeitvertreib dem Schachspiel hin. Allen voran McConnor (Andreas Klein), ein reicher kalifornischer Ölmagnat und Emporkömmling, dessen Ehrgeiz darin besteht, den ebenfalls an Bord weilenden Schachweltmeister Czentovic (Mathias Kopetzki) zu schlagen. Doch eine Niederlage folgt der nächsten, bis Dr. Bertram (Siemen Rühaak) die Bühne betritt, ein von den Nazis verfolgter österreichischer Anwalt, der sich als ebenbürtiger Gegner erweist.

Zwischen den ungleichen Kontrahenten, hier dem scharfen und wachen Intellekt Bertrams, dort dem tranceähnlichen Spiel des ungarischen Bauernsohnes, entwickelt sich ein fesselndes Duell, in dem es um Macht und Selbstverlust geht.

Zerstörerischer Wettkampf in 18 Bildern

In 18 Bildern beschreibt Zweig den zerstörerischen Wettkampf und lässt seinen Protagonisten zugleich noch einmal durchleben, was Bertram während seiner Isolationshaft widerfahren ist. Dass diese Rückblenden harsch mit den Salonszenen kontrastieren, ist dem durchdachten Bühnenbild Karel Spanhaks zu verdanken.

Wie bei Stefan Zweig spielt Schach auch in Peschinas Bühnenfassung eine untergeordnete Rolle. Das Spiel dient lediglich als Projektionsfläche. Erst nach der Pause, mit dem direkten Zusammentreffen der Kontrahenten, entwickelt der Kampf um Turm und Reiter eine beachtliche Eigendynamik: Dr. Bertram erliegt der längst überwunden geglaubten Schachinfektion und verliert im Verlauf der Partie nicht nur seine Fassung, sondern jeglichen Realitätsbezug.

Ein beklemmendes Kammerspiel, in dem ein grandioser Siemen Rühaak seine Kollegen zu Komparsen degradiert. Rettung und Untergang: In Zweigs Novelle wie auch in Peschinas beeindruckender Bühnenadaption liegen sie nah beieinander. Verstörend wie faszinierend! Karten gibt es unter Tel: 069/535166.

Quelle: op-online.de

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