Schätze aus Wiener Palästen

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Ignaz Bendls „Bacchanal“ (1684,), darüber „Perseus befreit Andromeda“ (1643, links) von Adam Lenckhardt und Matthias Steinls „Chronos auf der Weltkugel“ (um 1720/25)

Eines vorweg für Tierfreunde: Was an Kostbarkeiten in der Frankfurter Liebieghaus-Villa so körperlich und seidig schimmert, stammt aus dem 17. Jahrhundert, als man Elfenbein noch von natürlich gestorbenen Elefantenzähnen nahm. Von Reinhold Gries

Vom Artenschutzabkommen 1973 verbotene Wilderei breitete sich erst im 20. Jahrhundert aus. Politisch korrekt darf man also genießen, was in Dutzenden von Meisterstücken aus der Schatzkammer des geschlossenen Wiener Kunsthistorischen Museums nach Frankfurt gekommen ist und alles in den Schatten stellt, was an barocker Elfenbeinschnitzerei bisher zu sehen war.

„Kleinkunst“ ist das nicht, was kaiserlich-habsburgische Bildhauer und „Beinstecher“ fertigten, eher Weltkunst. Was der Würzburger Adam Lenckhardt, die Salzburger Balthasar Grießmann und Matthias Steinl, der Konstanzer Johann Caspar Schenck, die Tiroler Jacob Auer und Ignaz Elhafen sowie der Prager Johann Ignaz Bendl für den reichen Hochadel fertigten, musste freilich in den Wirren des 17. Jahrhunderts transportabel sein, um nicht in die Hände von Feinden zu fallen.

Episch erzählende, reliefartige bis vollplastische Bilderwelt, oft aus einem Stück geschnitzt, wählt oft antike Sujets. In Bendls Tafeln „Tod des Laokoon“ und „Bacchanal“ von 1684, bühnen- und kastenartig aus Elfenbein geschnitten, geht es turbulent zu. Es wird wild gestikuliert und getanzt, ausschweifend getrunken, umspielt von zauberhaften Nymphen und musizierenden Jünglingen.

Hang zu Arkadischem wie Bacchantischem

Bendl zeigt aber auch den Krieger Aeneas, als er seinen alten Vater aus umkämpftem Troja trägt, und Kaiser Leopold I. mit Ehefrau und Erzherzog Joseph I. auf einem Medaillon wie römische Imperatoren. Solche Repräsentation war den Habsburgern wichtig, galt die von ihnen selbst betriebene Elfenbeindrechselei doch als königliche Kunst.

Hang zu Arkadischem wie Bacchantischem verraten auch andere Liebhaber- und Virtuosenstücke wie Elhafens Reliefs „Bacchische Szene“ oder „Urteil des Paris“ mit freizügig dargebotenen Frauen- und Männerkörpern oder Auers lustvoll-barockes Paradiesrelief zu Adams und Evas Sündenfall. Den Bogen von spätgotischer Altarplastik zum Barock schlagen Lenckhardts Tafel „Verkündigung an Maria“ sowie die Figurengruppen „Perseus rettet Andromeda“ und „Apoll schindet Marsyas“ (1643/44), in deren Realismus auch Foltermethoden Platz haben.

Aus dunklerem Rhinozeroshorn geschnitzt, ragt Lenckhardts fünffigurige „Bacchantengruppe“ als geschwungene Stele in den Raum. Großartige Stücke stellen Grießmanns Prunk- und Deckelkannen mit unzähligen Jagd- und Fischereiszenen dar, aus mehreren Teilen übergangslos zusammengefügt. Auch für Grießmanns querovale Prunkschale von 1660 mit Adam und Eva im Zentrum gibt es keine Parallele.

„Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof“ noch bis 26. Juni im Frankfurter Liebieghaus, Schaumainkai 71. Geöffnet: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-21 Uhr.

Bis heute unbekannt geblieben ist der „Meister der Sebastiansmartyrien“, dessen 80 cm breites Sebastianrelief in Vorder-, Mittel- und Hintergrund unzählige Nebenmotive verarbeitet, für die man eigentlich eine Lupe braucht. Der expressive Mikrokosmos erinnert an Riemenschneiders Hauptwerke. Im Gegensatz zu Schencks Jahreszeitenbild „Der Sommer“ und Täfelchen „Kreuztragung“ nach Vorlagen aus europäischer Druckgrafik, sind Matthias Steinls freistehende Figurengruppen ganz eigenständig. Wie in dessen „Allegorie der Elemente Wasser und Luft“ (1688) drei übereinander balancierende Menschfiguren einem Gewirr auch Muscheln, Delfinen und anderem Wassergetier entsteigen, erinnert – wie auch Steinls „Chronos auf der Weltkugel“ – im Kleinen an den großen Michelangelo.

Quelle: op-online.de

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