Schatzkammer eines Mäzens

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E. Charlemont: Heinrich von Liebieg, um 1870.

Frankfurt - Baron Heinrich von Liebieg (1839-1904) ist in Frankfurt kein Unbekannter, ließ sich der erfolgreiche böhmische Textilfabrikant der k. und k. Monarchie doch an seinem Zweitwohnsitz ab 1892/93 eine malerische Villa am Main bauen. Von Reinhold Gries

Per Testament räumte er der Stadt ein Vorkaufsrecht ein, unter der Bedingung, den Prachtbau als Museum zu nutzen. Auf die renommierte städtische Skulpturensammlung im „Liebieghaus“ hat sich das segensreich ausgewirkt. Trotzdem ist von Liebieg als Mäzen und Sammler ein Unbekannter geblieben, denn über 250 Gemälde und 2600 kunsthandwerkliche Exponate vermachte der am Main zurückgezogen Lebende seiner Heimatstadt Reichenberg, in Tschechien Liberec genannt.

Das Museum Giersch macht den auch wenig durch Dokumente belegbaren von Liebieg jetzt endlich sichtbar und wartet dabei erstmals in Deutschland mit dessen Stiftungen aus dem Nordböhmischen Museum und der Regionalgalerie Liberec auf.

Stimmungsvolle Hafenansichten und Segelschiffparaden

Wilhelm Leibls Gemälde „Im Atelier“ (1872) stammt aus den Beständen der Regionalgalerie im tschechischen Liberec, der nordböhmischen Heimatstadt des Sammlers.

Da fehlt auch nicht die Darstellung der benachbarten Liebieg-Villa in historischen Fotos, ergänzt durch Baupläne des Architekten Leonhard Romeis. Dazu sieht man Vorbilder des historistischen Baues wie den Münzerturm der Tiroler Burg Hasegg oder die Innenhof-Reliefs der Kulmbacher Plassenburg.

Kachelöfen, Türverkleidungen, Scherenstühle und Baldachinbetten kehren erstmals zurück nach Frankfurt. Im Zentrum steht jedoch von Liebiegs Gemäldesammlung, vor allem deutsche und österreichische Werke des 19. Jahrhunderts und Exponate der „Schule von Barbizon“. Deren Maler waren noch keine Impressionisten, bereiteten diesen Stil aber mit ihrer Pleinair-Malerei vor.

Zu studieren ist das an Theodore Rousseaus Wasserlandschaften, Charles-Èmile Jacques Pastoralen, Paul Vernons urwüchsigen Sumpflandschaften, Charles-Francois Daubignys Ansichten zur bretonischen Küste und Henry Fantin-Latours kostbaren Stillleben. Ein ganzer Saal ist Eugéne Boudin gewidmet, der von seiner Heimatstadt Honfleur nordfranzösische Küsten bereiste und malte. Stimmungsvolle Hafenansichten und Segelschiffparaden zeigen die Bucht von Camaret, Deauville und die Somme-Mündung, dazu das niederländischen Backsteinstädtchen Dordrecht.

Wilhelm Leibl, Carl Spitzweg und Adolph von Menzel

Aus Höchster Produktion stammt diese Deckelterrine von 1750, die Adam Bergdoll zugeschrieben wird.

Von Liebieg bevorzugte auch Landschaften und Genrebilder des Österreichers August von Pettenkofen sowie Vedouten und Antikenmalerei von Rudolf von Alt. Dessen Aquarelle zu Palermo, dem Dogenpalast und dem Titusbogen gehören zu den Höhepunkten. Von Liebiegs Hausmaler war Eduard Charlemont, der in historistischen Gemälden die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts reflektiert.

Eigenständiger wirken Gemälde deutscher Romantiker und Realisten, darunter Wilhelm Leibl, Carl Spitzweg, Adolph von Menzel, Franz von Lenbach, Wilhelm Trübner und Walter Leistikow. Ergänzt haben das

„Kunstschätze Heinrich von Liebiegs“ vom 23. September bis 27. Januar 2013 im Museum Giersch, Frankfurt, Schaumainkai 83. Geöffnet: Dienstag bis Donnerstag 12-19 Uhr, Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr

die Liberec-Museen durch Moderneres, das sie von Liebiegs Zuwendungen erwerben konnten. Eifrig sammelte der Baron auch Kunstobjekte anderer Art, darunter alte Truhenschlösser und Schlüssel, figurenreiche Mörser und Deckelgefäße, kunstvolles Messing, Teller und Kannen aus Zinn. Großbürgerlichen Standard von damals repräsentiert die kostbare Waffensammlung. Alte Teller- und Taschenuhren, Bayreuther und Nürnberger Fayencen sowie Meissner und Höchster Terrinen faszinieren Kunstfreunde ebenso wie chinesische und japanische Gefäße und Deckeldosen neben Chinoiserien und Möbeln. Im Museum Giersch wirkt das wie eine Kunstkammer auf Zeit.

Quelle: op-online.de

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