Schatzkammer der Fotografie

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Das Städel zeigt Prachtstücke seiner Sammlung: Man Ray „Schwarz und Weiß“ (1926) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Frankfurt - 1845 dürfte es einiges Aufsehen erregt haben, als das Städel Museum erstmals Fotografien ausstellte. Von Carsten Müller 

Das noch junge Medium war knapp sechs Jahre zuvor in Paris der Weltöffentlichkeit vorgestellt worden und der Frankfurter Sigismund Gerothwohl, der dort „Probebilder und Lichtbilder aus Papier“ zeigte, ein Pionier. Nicht zufällig steht er am Anfang der Sonderausstellung „Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960“.

In neun chronologisch geordneten Kapiteln blickt die Schau auf große Fotografen, künstlerische Strömungen, vor allem aber auf die in zuletzt durch Zukäufe stark gewachsene Foto-Sammlung, die sukzessive ausgebaut werden soll, wie Städel-Direktor Max Hollein sagte. Es ist aber auch ein Spaziergang durch die Entwicklung fotografischer Technik in 175 Jahren, von der Belichtung auf Salz- und Platinpapier über Fotochromie, Gummi-, Bromöl- und Pigmentdruck bis zum Silbergelatine-Abzug.

O. Steinert, Luminogramm, 1952 © Nachlass Steinert/Folkwang Mus.

Dass Fotografie ihren Platz im Städel hat, ist für Sammlungsleiter Felix Krämer keine Frage. Gerothwohls Ausstellung sei der Auftakt zu einer langen Reihe von Fotopräsentationen im Hause gewesen. Die aktuelle Schau sei mit über 160 Exponaten zugleich ein Plädoyer für die ästhetischen Qualitäten der Fotografie, die sich auf Augenhöhe mit Malerei und Bildhauerei bewege. Wie schon die Pioniere des Mediums mit der Kamera „malten“ und Motive komponierten - obwohl sie unter dem Vorhang ihrer Plattenkameras ein seitenverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Bild vor Augen hatten, wird an den Architekturfotografien von Édouard Baldus deutlich, aber auch an Carl Friedrich Mylius’ formbewussten Frankfurter Hauseingängen und Roger Fentons tiefenscharfen Londoner Stadtansichten.

Malerische Qualität

Sehnsuchtsorte hat der aus Frankfurt stammende Georg Sommer, der sich nach seiner Emigration Giorgio nannte, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingefangen und damit unser Italienbild geprägt, wie Kuratorin Felicity Grobien erläuterte. Seine Aufnahme des Vesuv-Ausbruchs von 1872 gilt zugleich als Wegmarke der Reportage-Fotografie.

Gerothwohls Herrenbildnis, 1845

Parallel dazu verfolgten Fotokünstler experimentelle Ansätze wie Leon Vidal, der seine Arbeiten kolorierte, oder Carlo Nayas’ der mit Unterbelichtungen Nachtansichten von Venedig simulierte. Die malerische Qualität früher Fotografie wird an lichtdurchfluteten Naturaufnahmen Hermann Wilhelm Vogels deutlich. Klassische Posen ihrer Modelle fingen Gertrude Kaesebier und Heinrich Kühn impressionistisch ein. Auf die Schrecken des Ersten Weltkriegs folgten Sachlichkeit und Formbewusstsein, die in Straßenporträts, Bauhaus-Strukturen und mikroskopischer Nahsicht oder den Natur- und Maschinenwelten Alfred Renger-Patzschs Ausdruck fanden. Derweil sich Man Ray, Dora Maar und André Kertesz im surrealen Kontext bewegten, wie tschechische Avantgardisten neue Perspektiven suchten. Kontrapunkte zur Propagandafotografie setzte die Gruppe fotoform in den Nachkriegsjahren mit freien Arbeitsweisen, die industrielle Formen ästhetisierten oder wie Otto Steinert mit Licht experimentierten.

„Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960“ bis 5. Oktober im Städel Museum, Schaumainkai 63. Geöffnet: Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag und Freitag 10- 21 Uhr. Der ansprechende Katalog kostet 24,90 Euro.

Quelle: op-online.de

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