Schaurig schöne Bestien

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Nach München hat Yongbo Zhao den Fenstersturz in „Der Kelch der Päptse II“ verlegt.

In seinem Refugium auf dem heruntergekommenen Militärgelände im Norden Schwabings reißen sie ihm die kaum fertigen Bilder aus den Händen. Museumsstifter Bernd Rosenheim berichtete von „überwältigenden Eindrücken, die man aus zeitgenössischer Kunst nicht mehr kennt“, als er Malereien von Yongbo Zhao in der Schweiz entdeckte. Von Reinhold Gries

Was ist dran an diesem quirligen, schmächtigen Künstler, einem 1964 in einem mandschurischen Dorf geborenen Kind der Kulturrevolution, in China geachteter Maldozent, der 1991 zum Studium nach München ging, auch um geschätzte europäische Maler im Original kennen zu lernen?

Beim ersten Blick über seine großformatigen Ölbilder verschlägt es einem die Sprache. Welch ein affenmäßiges Oktoberfestgewusel breitet sich im Tableau „Bayerische Leidenschaft“ (2006) aus. Hieronymus Boschs grausam satirischer Welt ähnelnd, das Schreckensbild von 2007, in dem grinsende Dämonen der rosig-nackten Mutter Erde das Blut aussaugen, begleitet von Fahnen aus den USA, China und Europa.

Der Kelch geht nicht am Papst vorbei, von bösartigen Gestalten traktiert, die ihn zum Fenster hinaus stürzen wollen. Dazu hat ein historisches Bild zum „Prager Fenstersturz“ Pate gestanden, die wildbewegte Szenerie ist jedoch nach München verlegt. Schafsköpfige Großporträts einer „Revolutionären Familie“ sind zu Kampfhunden geworden, aus deren riesig geweiteten Mäulern vergoldete und auf Lücke stehende Zähne wie Angriffswaffen blinken. Und dann Mao, in „Toys“ (2008) als Schlächter seiner Volks-Hammelherde. Starker Tobak, satirisch scharf bis politisch gemein, malerisch aber großartig durchkomponiert.

Die bösen, wilden Sujets sind ebenso an Goya und Rembrandt geschult wie an 500 Jahre chinesischer Maltradition. Das erklärt nicht alles. Da malt einer gegen ein Trauma an – die Kulturrevolution, die viele Menschen und deren historisches Erbe ausrottete. Dazu ist Yongbo beeindruckt von der Monsterwelt, die sich in westlich-abendländischer Kunst entdecken lässt.

„Yongbo Zhao“ bis 30. Mai im Rosenheim-Museum. Eröffnung im Beisein des Künstlers am Sonntag um 11 Uhr. Geöffnet: Mittwoch bis Freitag 14 bis 18, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr

Das chinesische Kraftpaket versucht die Dämonen wegzukichern, in meisterhaften Aquatinta-Radierungen, die in Schwarz, Weiß und Grau umsetzen, was vorher auf Leinwände gebannt war. Auch in den 28 Drucken kommt es zu skurrilen bis schmerzhaften Begegnungen: Yongbo lässt sich von Vorbild Goya den Hintern versohlen, lässt in die „Fetten Jahre sind vorbei“ einen bildfüllenden Frosch als Koch fast aus dem Bild herausspringen, konfrontiert Delacroixs barbusig-schöne Liberté mit blökend-bremsender Hammelherde („Wir sind das Volk“, 2007) und Bouchers eleganten Mädchenakt mit einem weiteren, lüsternen Hammel.

Für einen Liebesratgeber taugen seine Mensch-Tier-Wesen weniger, obwohl sie triebhaft Obszönes umtreibt. Wie in den fantastischen Gemälden geht es ums Fressen und Gefressenwerden, um Übertreibungen bei der Akupunktur, um kirchliche Würdenträger mit hässlichen Putenköpfen, um eklige Geiermenschen, fette Kröten („Wissen ist Macht“) und lüsterne Blutsauger.

Eine schaurig schöne Vampirwelt, in der wir da leben, mit Hintersinn gesehen aus den geschulten Augen eines Dissidenten, der sich’s aber in seinem neuen Haus bei München gemütlich eingerichtet hat. Wenn er nicht gerade im Mal-Labor experimentiert und sich in die Abgründe des (Un-)Menschseins hineinarbeitet. Dann gibt’s kaum noch Schranken.

Quelle: op-online.de

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