Constanze Becker im Frankfurter Schauspiel

Phänomenale Kraft des stummen Blicks

Frankfurt - Die nehmen die Sache ernst. Selbstverständlich ist das nicht. Von Stefan Michalzik

Aus Wilhelmine von Hillerns schwülstiger Alpensaga ,,Die Geierwally“ – 1873 als Roman erschienen, alsbald von der Schriftstellerin selbst als erste dramatisiert und immer wieder auf die Bühne geholt, mehrfach verfilmt und als Oper ins Repertoire eingegangen –kann man einen Jux schlagen. In der Box des Frankfurter Schauspiels versucht Regisseurin Johanna Werner, die den Text gemeinsam mit Dramaturgin Rebecca Lang bearbeitet hat, dem sich hartnäckig haltenden Trivialmythos mit den Mitteln des Stadttheaters beizukommen.

Schon die an der breiten Seite der Theaterkammer lang geschlagene Bühne des Ausstatters Hannes Hartmann verweist auf das Epische Theater, die sprichwörtliche „Brechtgardine“ – mit einem großfloralen Muster – ist von einer Seitenwand zur anderen gespannt über einem roh-hölzernen Podium aus knarzenden Europaletten.

Momente der Komik bleiben milde

Rasch baut sich die Erwartung einer weiteren wohlgefälligen Inszenierung eines spielerisch-quicken Kollektivs ein. In diese Falle tappt die Regisseurin aber nicht, Sprenkel davon sind erkennbar, alle Schauspieler außer der Titelheldin – Heidi Ecks, Torben Kessler und Daniel Rothaug – sind mehrfach beschäftigt, es geht durchaus um eine komödiantische Spielweise, albern ist das aber eben nicht, Momente der Komik bleiben milde.

Keine schlechten Voraussetzungen. Dann kommt die Trumpfkarte des Frankfurter Theaters ins Spiel: Constanze Becker. Die Geierwally ist keine, die sich fügt, sie verweigert sich den Verheiratungsabsichten ihres Vaters, dem verschmähten Vinzenz haut sie ein Loch in den Kopf, sie liebt den Bärenjoseph, so genannt, weil er sich im Kampf mit der Natur bewährt hat und auch sonst nichts auf sich sitzen lässt.

Respektable Theaterfigur

Der Vater verbannt sie aufs Hochjoch, in der Einsamkeit nimmt sie einen Dialog mit imaginierten Gestalten auf, nach dem Tod des Vaters führt sie als Großbäuerin das Regiment, emotional verhärtet.

Einzig Torben Kessler markiert szenenweise ein weiteres Kraftfeld. Aber mit Constanze Becker erlebt man eben viel. Ihre Wally hebt sich in ganz besonderer Weise aus dem Ensemble heraus (und aus der Welt). Sie ist ein Kraftwerk des stummen Blicks, er scheint Dinge zu erfassen, aufzunehmen und wie ein Spiegel innerer Vorgänge zurückzugeben. Gleich wie die Figuren von Constanze Becker gemartert werden, das Bewusstsein wahrt die Oberhand, sie scheint selbst noch über den Dingen zu stehen, denen sie nicht entkommt. Phänomenal.

In der Geierwally haben Constanze Becker und Johanna Werner eine respektable Theaterfigur freigelegt, eine Rebellin im emanzipatorischen Sinne. Das will an dieser Vorlage erst einmal vollbracht sein. Weitere Aufführungen am 11. und 23. November.

Quelle: op-online.de

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