Lieber mit Lüge leben

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Hjalmar Ekdal ( Torben Kessler) trägt Gregers Werle ( Lena Schwarz) auf Händen.

Frankfurt - „Nein, keine Gitarre. Ich brauche keine Freude auf dieser Welt. “ Welch armseliges Würstchen, dieser Hjalmar Ekdal! Selbstmitleid und Sorge haben sein Haar ausgedünnt und seinen Bauch aufgebläht. Von Markus Terharn

Das Fotostudio lässt er gern von der Gattin führen; lieber faselt er von einer bahnbrechenden Erfindung, die er zu machen gedenkt, und jagt Kaninchen mit seinem Vater. „Die Wildente“ von Henrik Ibsen (1895) ist ein Stück mit komischen Zügen vor tragischem Hintergrund, der zur Katastrophe führt. Regisseurin Karin Henkel formt daraus am Schauspiel Frankfurt einen mitreißenden Abend, der erst am Ende der drei Stunden Fahrt verliert.

Ihre Ästhetik borgt die Inszenierung beim expressionistischen Stummfilm; mancher fühlt sich auch an die groteske Bildwelt eines David Lynch erinnert. Ein bleicher, feister Chor (Kostüm: Klaus Bruns) verkörpert die Stützen der Gesellschaft. Janina Audicks Bühne dreht sich unablässig, wechselweise die enge Behausung der armen Ekdals und die leere Weite der reichen Werles freistellend, die durch Vorhänge ver- und enthüllt werden. Eine Treppe und eine Klappe öffnen den Weg auf den Dachboden, wo der angeschossene Vogel symbolische Bedeutung erlangt. Schattenrisse zucken über die Wand. Videotitel verdoppeln Gesagtes. Musik (Arvid J. Baud) dräut.

Expressives Agieren der Darsteller

Durch diese düstere Szenerie flattert geistergleich Gregers, hier Werles Tochter, nicht sein Sohn. Von Hass auf den kalten Vater erfüllt, gebärdet sie sich als selbsternannte Aufklärerin, wild darauf, ihrem Jugendfreund Hjalmar seine Lebenslüge zu rauben. Dieser Geschlechtertausch ermöglicht sexuelle Untertöne, fügt dem Drama eine Dreiecksgeschichte nebst Zickenkrieg hinzu.

Die Darsteller sind zu expressivem Agieren angehalten. Torben Kessler ist als Weichei Hjalmar für Lacher jener Art gut, die eigentlich nicht lustig ist. Gast Lena Schwarz mimt als eifernder Gregers das Unheil in Person. Den alten Werle spielt Martin Rentzsch eisig mit nosferatuhaften Zügen, den alten Ekdal gibt Michael Goldberg erschütternd als alkoholisiertes Wrack. Als verhärmte Gina ist Claude de Demo aufopferungsvolle Ehefrau – und fürsorgliche Mutter Hedwigs: Wiebke Mollenhauer sehr anrührend als junges Mädchen, das für seinen Vater alles geben würde.

Die Randfiguren verheißen kein Heil. Ist Frau Sørby (Goldberg, in zwerchfellerschütternder Zweitrolle mit Sonderbeifall bedacht) die passende neue Frau für Werle? Kann die Medizin in Gestalt des versoffenen Arztes Relling (nochmal Rentzsch) oder die Theologie in Form des verbummelten Studenten Molvik (Komponist Baud) helfen? Nein. Wie heißt es doch: Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich...

Quelle: op-online.de

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