Der Entfesselte als dummer August

Frankfurt - Dass sich derlei noch jemand traut! Mitmachtheater. Schulstunde. Der Lehrer tritt vor die Klasse, das sind wir, die Zuschauer. In einer prologhaften Rede beschwört er die christlichen und humanistischen Werte. Von Stefan Michalzik

Im übrigen möge der Mensch - „Sie sind die zukünftige Elite Deutschlands“ - Leistung erbringen. Im schneidigen Ton wird ein Zuschauer aufgerufen. „Name?“ Das weckt Heiterkeitsbekundungen, ebenso die falsche Antwort auf eine historische Frage.

Gestrenge Blicke über den Brillenrand hinweg, ein grotesk pathetisches Gehabe mit ausgestrecktem Zeigefinger: Das Eingangssolo des Schauspielers Michael Goldberg als Gymnasialprofessor Immanuel Rath in Jorinde Dröse Bühnenfassung des auf das Jahr 1930 zurückgehenden Filmklassikers „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg am Frankfurter Schauspiel ist ein harmloses Kabarettschmankerl. Die vorgebliche Autorität des späteren Professor Unrat wird von vornherein als lächerlich und hohl charakterisiert. Seine drei im Zuschauerraum verteilten Schüler, an der Spitze der als Dark-Wave-Jünger mit rabenschwarzem strähnigem Haar und bleich geschminktem Gesicht aufgemachte Nils Kahnwald als Lohmann, nasführen ihn; Krampen hageln auf ihn nieder, eine Wasserbombe geht knapp an seinem Kopf vorbei.

Vom ersten Moment an wirkt diese Lehrerfigur unschlüssig. Schon Sternbergs nach der Drehbuchbearbeitung von Carl Zuckmayer, Robert Liebmann und Karl Gustav Vollmoeller entstandene Filmversion weicht von der Satire auf den Geist des Wilhelminismus ab, die das Wesen der 1905 veröffentlichten Romanvorlage „Professor Unrat“ von Heinrich Mann ausmachte. Jorinde Dröse, die neben dem Drehbuch auch den Roman als Steinbruch nutzt, sucht den Stoff in die Gegenwart zu übertragen. Das sich durch schlichte Modernität und eine fließende Veränderbarkeit auszeichnende holzgetäfelte Szenenbild der Ausstatterin Susanne Schuboth behauptet samt den zeitgenössischen Kostümen ein Jetzt, mit dem sich Goldbergs Professor reibt. Einen solch autoritären Popanz wie diesen Allmachtsfantasten braucht hoffentlich schon lange kein Schüler mehr zu erdulden. Da wurde eine Figur von vorgestern mutwillig in ein Ambiente von heute gesteckt.

Das Vorspiel scheint auf die Absicht eines Komödienabends von jener Sorte zu verweisen, die Theater gern als champagnerlaunige Sylvestervorstellung ansetzen. Die folgenden Szenen bestätigen das erst einmal. Eine verruchte Fotografie, die Rath bei einer Schülerin findet, zieht ihn hinein in die Varietéwelt des Lokals „Der blaue Engel“, wo der Biedermann den Verlockungen der Sängerin und Tänzerin Lola erliegt. Bei dieser Lola - im Film Marlene Dietrich, die mit dieser Rolle zu Weltruhm gelangt ist - handelt es sich um einen Transvestiten; Dröse hat Raths in eine Ehe mündende Verbindung mit dem Nachtclubstar ins Homosexuelle umcodiert. Mathis Reinhardt haucht Friedrich Holländers Filmschlager wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von der anderen Seite her so androgyn wie einst die Dietrich. Zauberkunststückchen mit einem dummem August, Artistenehekrach und ein famoses Blasmusikantentrio: Nun haben wir es mit einem Semi-Musical der Hinterbühne zu tun. Rath, längst von den Schülern ertappt und bloßgestellt, stimmt mit Lola ein merkwürdig mattes Duett nach Leonard Cohens Ballade „I’m your man“ an. Man weiß, das mit Rath der Geschichte nach eigentlich die bisher hinter der Fassade des Spießers verborgenen Triebe durchgehen. Ernstlich spürbar wird seine Entfesselung aber nicht. Dieses bleierne Konglomerat wirkt gewollt und erzwungen. Bemerkenswert, dass dieser erbärmlich schwache Abend mit johlendem Applaus bedacht wurde.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Gabi Schoenemann

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