Duell mit Krücke und Stöckelschuh

+
Bettina Bruinier inszeniert Drama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams neu am Frankfurter Schauspielhaus.

Dieses Dach ist nicht heiß und nicht blechern. Aber steil und knöchelbrecherisch. Die riesige Bühne im Schauspiel Frankfurt ist mit einer Schräge verstellt. Luken dienen als Türen, Stufen und Rinnen zum Hinaufklettern und Herabgleiten. Von Markus Terharn

Klappt die Rampe auf, gibt sie den Blick in ein Wohnzimmer mit modernen weißen Möbeln vor augenkrebserregender grüner Op-Art-Wand frei. Die Spielfläche lässt sich auch absenken oder aufrichten, all das bei laufendem Betrieb.

Diese so spektakuläre wie sinnvoll wandelbare Kulisse von Barbara Ehnes ist Blickfang und Spannungsmoment zugleich: Werden die Darsteller den Abend unfallfrei meistern? Für die Premiere kann die Frage bejaht werden. Eine andere ist: Wie geht Bettina Bruinier damit um, dass es von Tennessee Williams’ US-Drama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1955) eine stilbildende Hollywood-Verfilmung mit dem charismatischen Paar Elizabeth Taylor/Paul Newman gibt? Die Hausregisseurin hat sich viel einfallen lassen, um dem unvermeidlichen Vergleich standzuhalten. Alkoholselige Rededuelle sind in packende Aktion umgesetzt.

Die Ausstrahlung der Kinohelden suchen Franziska Junge und Torben Kessler nicht zu kopieren; enorm präsent sind sie trotzdem. Physisch: Er mit bloßem Oberkörper, Gipsfuß und Krücken – sie in durchsichtigem Unterkleid und auf atemberaubend hohen Absätzen (Kostüme: Justina Klimczyk). Stimmlich: Er schwächlich, ausweichend – sie mal fordernd, mal lockend. Darstellerisch: Beide ganz stark, bis hin zu gegenseitigem Bewerfen mit Gehhilfe und Stöckelschuh.

Knapp drei unterhaltsame Stunden

Brick und Margaret haben keine Kinder. Weil er für ihre Reize immun ist und lieber, das Whiskyglas in der Hand, seinem toten Sports- und Seelenfreund Skipper nachtrauert. Oder war da mehr zwischen beiden? Welche Rolle Margret in diesem tragischen Dreieck innehatte, enthüllt das analytisch gebaute Stück erst nach und nach.

Gegenspieler sind ferner Brick und sein todkranker Vater, sprechend Big Daddy genannt. Felix von Manteuffel als knorriger Mississippi-Baumwollpflanzer, der nicht wissen soll und will, wie es um ihn steht, gestaltet die Auseinandersetzung mit dem saufenden Sorgensohn bis hin zum Ringkampf.

Ähnlich abstoßend wie im Film ist die erbschleicherische Sippe des Bruders gezeichnet: Sascha Nathan als teigiger Anwalt Gooper, Birte Schrein als dümmliches Muttertier Mae, dazu die fünf von Margaret als „halslose Monster“ titulierten Stammhalter, die mit gewaltigem Getöse stets zur Unzeit hereinstürmen. Dagegen gewinnt Big Mama in der Interpretation von Traute Hoess nach anfänglicher Oberpeinlichkeit an Würde und Größe.

Zwei Fragen bleiben nach den zweidreiviertel dichten, nicht zu langen Stunden ungelöst: Darf der Zuschauer in dem jungen Barmann hinten links, der Brick mit Stoff versorgt, einen Wiedergänger Skippers sehen? Und was haben die beiden alten Cowboys in Rollstühlen hinten rechts zu bedeuten, die nach der – sehr späten – Pause fort sind? Vielleicht ist dies im Sinne des Autors: Williams wollte nie, „dass die Leute das Theater verlassen und alles über alle Figuren wissen“ ...

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare