Schauspiel zeigt „Your lover forever“ zur Goethewoche

Briefe an einen fernen Liebhaber

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Jede nach ihrer Art: Ulrike Müller-Harang und Gisela Boigk.

Frankfurt - Vor der Nachwelt hat Charlotte von Stein keine Stimme. Das weckt Fantasien. Fast täglich haben Goethe und seine Geliebte sich anfänglich etwas mitzuteilen gehabt, Gefühlsdinge, Banalitäten. Von Stefan Michalzik 

Knapp 1800 Briefe von des Dichters Hand sind überliefert, kein einziger jedoch von ihr, sie hat sie später zurückverlangt und vernichtet.

Zwischen den Goethestädten Frankfurt und Weimar ist der Abend „Your lover forever“ - so hat Goethe einen Brief unterzeichnet - entstanden, als gemeinsame Produktion des Frankfurter Schauspiels und des Weimarer Kunstfests. 14 zeitgenössische Schriftstellerinnen, darunter namhafte wie Katharina Hacker, Angelika Klüssendorf, Ursula Krechel, Kathrin Röggla und Kerstin Specht, sind gebeten worden, Antworten auf ausgewählte Briefe Goethes zu schreiben. Vorgetragen werden die Texte von acht gestandenen Frauen überwiegend fortgeschrittenen Alters aus beiden Städten, Regie führte Lily Sykes. Ort der Frankfurter Aufführungen im Zuge der Goethewoche ist der Saal der Freimaurerloge zur Einigkeit auf der Kaiserstraße.

Das Leben der Charlotte von Stein ist für diese Zeit typisch gewesen. 1764 ist sie eine Zweckehe mit dem herzoglichen Stallmeister Josias von Stein eingegangen. Sie hat sieben Kinder auf die Welt gebracht, vier Mädchen sind gestorben. Die Schwangerschaften sind zermürbend gewesen. Der Mann verbrachte viel Zeit bei Hofe, und er soll sich mehr für die Pferde interessiert haben als für seine Frau. Als Goethe 1775 in Weimar eingetroffen ist, hatte sich bei Charlotte ein Gefühl der Einsamkeit eingestellt. Schnell entbrannte eine Leidenschaft. Als verheiratete Frau hielt Charlotte den Dichter jedoch auf Distanz, nicht einmal das vertrauliche „Du“ hat sie zugelassen, nicht zu schweigen von der sexuellen Entsagung.

Die Laien auf der kleinen, mit Kaffeehausmobiliar bestückten Bühne - Ausstattung: Rebekka Dornhege Reyes und Nina Thielen - stehen anders als Schauspielerinnen für sich selber. In weißen Kleidern, von gestreng bis divenhaft, stehen sie da, mit den Textkladden in den Händen. Knapp erfährt man Details aus ihrem Leben. Als Kellner, der in die Rolle Goethes schlüpft, trägt der junge Schauspieler Anton Rubtsov Briefe des Dichters vor. Das erschöpft sich im Albernen. Der Pianist Burkhard Niggemeier kippt anfänglich allzu wohlfeil Nummern von naheliegender Art - Stichwort: „Love Me Tender“ - drüber; allmählich erst kommen die Akteurinnen und die Musik mehr zusammen, chorisch wie als Solistinnen leisten sie Beachtliches in szenisch sinnstiftenden Nummern.

Die Texte? Eine jede nach ihrer Art auch hier. Sybille Berg ist bekanntlich direkt. „Sado-Masochismus in Hochform“ attestiert sie der Verbindung. „Wir haben uns benutzt“ legt sie der „Seelenpartnerin, deren Körper sie nie entzünden konnten“ in den Mund. „Lebte ich in einer anderen Zeit, würde ich sagen: Fack ju Göhte.“

Gleich fünfzig Druckseiten hat Schauspielerin und Dramatikerin Justine del Corte vorgelegt, übersät mit spitzfindigen Sprachspielereien von wechselhafter Originalität. Dass Goethe immer über das Essen schreibe, bemängelt die Charlotte von Angelika Klüssendorf, und fordert eine Körperlichkeit ein, in einer expliziten Sprache. Auf den Eros aber hat sich Goethe mit Christiane Vulpius eingelassen. Da lag die Italienreise hinter ihm, sie markierte einen Bruch im Verhältnis zu Charlotte von Stein. Allenfalls viertelgar wirkt dieser Abend. Wunderbare Akteurinnen, mehr oder weniger mittelprächtige Texte, ein unausgegorenes Drumherum.

Letzte Aufführung heute Abend. Karten: 069/21249494

Quelle: op-online.de

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