Im Menschenlabor: Junges Schauspiel bringt „Herr der Fliegen“ auf die Bühne  

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Spielmarken: Leonie Moritz und Florian Friedrich in Martina Drostes Inszenierung am Schauspiel.

Frankfurt - Der Weg zum Frankfurter Theater führt derzeit an dem Zeltcamp der Finanzmarktkritiker am Fuß des Hochhausturms der Europäischen Zentralbank vorbei. Von Stefan Michalzik

Das Haus hat ihnen seine Kantine geöffnet, in der Absicht, „das bürgerschaftliche Engagement der Bewegung zu unterstützen“, wie es in einer Erklärung heißt. Man geht um die Ecke, zum rückwärtig gelegenen Eingang der Kammerspiele, taucht ins Kellergeschoss ab und – wie es die Sache des Theaters ist – in eine andere Welt ein. Die Theaterpädagogin Martina Droste hat dort mit dem Jungen Schauspiel Nigel Williams’ Dramatisierung des auf das Jahr 1954 zurückgehenden Romans „Der Herr der Fliegen“ inszeniert, der zu einer klassischen Schullektüre der Nachkriegsepoche geworden war und seinem Autor, dem Briten William Golding den Literaturnobelpreis eingetragen hat. Verantwortliches Handeln und mehr demokratische Teilhabe: Angesichts der Ziele, die von den Protestlern verfochten werden, erscheint der in seinem Moralismus heute angestaubt wirkende Golding merkwürdig fern und nah zugleich.

Gruppe von Jugendlichen und ein Flugzeugabsturz

Zusammen mit der Bühnenbildnerin Olga Ventosa Quintana treibt Martina Droste das – anders als im Roman – gemischtgeschlechtliche Ensemble auf einen stilisierten Baum, dessen zur Perkussion tauglichen metallenen Kletteräste die volle Breite der Bühne ausfüllen. Anhand einer Gruppe von Jugendlichen, die es nach einem Flugzeugabsturz auf eine unbewohnte Insel verschlagen hat, führt Golding laborhaft gesellschaftliche Mechanismen vor. Er verweist auf animalisch-triebhafte Züge des Menschen und die Gefahr eines Abfalls in die Barbarei. Im Mittelpunkt steht die Männerrivalität zwischen Ralph, der ein demokratisches Prinzip vertritt, und seinem Widersacher Jack, einem archaischen Rudelführer. Hüttenbau und Aktivitäten, die eine Aussicht auf Rettung erhöhen – vorsorgendes Handeln und Ordnungsdenken – stehen gegen die Jagd und die Verheißung eines Schweinebratens – Abenteuer und anarchischer Triebimpuls.

Das hermetische, „inselhafte“ Formkonzept des Abends erweist sich als ein ebenso einfaches wie wirkungssicheres Mittel. Über die Feldenkrais-Methode ist die Regisseurin, wie im Programmheft nachzulesen ist, mit den 16- bis 21-jährigen Darstellern einen Weg der Forschung an deren eigenem Selbst gegangen. Freilich bildet das beachtlich homogen in Erscheinung tretende Ensemble keine ausgeprägten Charaktere aus. Es handelt sich vielmehr gleichsam um Spielmarken in einer Versuchsanordnung. Das ist so geschickt gemacht, das es auf der anderen Seite nicht holzschnittartig erscheint.

Aufführung wirkt wie aus einem Guss

Die Aufführung wirkt wie aus einem Guss. Sie enthält sich jeder Pointierung, jeglicher Zutaten wie etwa Musik. Kompakt wird die Geschichte erzählt. Irgendwann öffnet sich der flache schwarze Raum zu einem weißen Horizont hin, als Schattenriss ist dort die Bestie zu sehen, vor der alle Angst haben – in Menschengestalt. Sauberes, in sich geschlossenes Theaterhandwerk ist das. Arg artig. Immer hübsch am Text entlang. Ohne besondere Vorkommnisse. Auch Inszenierungen mit jugendlichen Laien sollten dem Anspruch an ästhetisch avanciertere Formen genügen.

Quelle: op-online.de

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