Graffiti-Kunst aus Südamerika

Virtueller Hausbesuch bei Brasiliens Sprayern

+
Graffiti-Kunst gibt's in der Frankfurter Schirn zu bestaunen.

Frankfurt - Graffiti aus Brasiliens Metropolen bringt die Ausstellung „Street-Art Brazil“ anlässlich der Frankfurter Buchmesse an den Main. Von Carsten Müller

Die über das Innenstadtgebiet verteilte Präsentation der Schirn Kunsthalle ist zudem Anlass für den Start einer kostenlosen Ausstellungs-App – so heißen Anwendungen für internetfähige Mobiltelefone –, die sowohl Navigationssystem als auch Katalog ist und mehr leisten kann als eine gedruckte Information.

„Wir sehen die Ausstellungs-App nicht nur als Instrument zur Vermittlung, sondern als Verlängerung und Ergänzung der Inhalte in ein anderes Medium, wie es sonst nicht möglich wäre“, sagt Carolin Köchling. Die Schirn-Kuratorin hat alle elf „Street-Art Brazil“-Künstler in ihren Heimatstädten São Paulo und Rio de Janeiro aufgesucht und sie beim Gang durch ihr Viertel mit einem Filmteam begleitet. Künstlerfilme sind das herausragende Merkmal der Schirn-App.

Jeder Künstler hat seinen spezifischen Stil

„Es handelt sich um völlig unterschiedliche Positionen. Jeder Künstler hat einen spezifischen Stil und als einzige Gemeinsamkeit das urbane Lebensumfeld“, wie Carolin Köchling erläutert. Umso wichtiger ist es, so Köchling, dass die Künstler in ihrer eigenen Umgebung zu Wort kommen. Sie sprechen über ihr Verhältnis zur Stadt und die Entstehung ihrer jeweils typischen Bildsprache. „Die Stadt ergänzt die Graffiti.“

Und weil auch Musik für Street-Art konstituierend ist, wie zu den Anfängen in New York, wo Punk, Rap und HipHop Fundamente legten, wurden die vielstimmigen Porträts der brasilianischen Sprayer--Szene und ihrer Lebensmittelpunkte mit einer Musik unterlegt, die den HipHop als Basis nutzt, um verschiedene Stile und Einflüsse zu verschneiden. Ganz ähnlich wie in den Werken der Künstler, die von Kunstströmungen, Konsumwelt oder indigenen Traditionen beeinflusst worden sind.

Mit einem Audio-Guide, der wie ein Hörfilm durch museale Ausstellungen führt, ist das multimediale Erscheinungsbild der für Apple- und Android-Betriebssysteme geeigneten Street-Art-App nicht zu vergleichen. Sie leitet Besucher anhand von Kartenausschnitten zu den in der Innenstadt verstreuten Exponaten, bietet neben schriftlichen Künstlerbiografien und den erwähnten Filmen weitere Videos und Fotos als Download sowie aktuelle Informationen über öffentliche Führungen und Veranstaltungen. Ein Making-of-Video, ein Porträt der Schirn sowie der Zugang zum Internet-Magazin der Frankfurter Kunsthalle runden das Angebot ab – ein bisschen Eigenwerbung kann ja nicht schaden.

Ausstellungs-App als Gratis-Download

Noch gibt es die neue Ausstellungs-App als Gratis-Download, doch schon in naher Zukunft könnte daraus eine weitere Erlösquelle entstehen. Sind Apps demnächst kostenpflichtig? „Da bin ich mir sogar ziemlich sicher! Gerade für Ausstellungen, die mit dreidimensionalen Objekten, temporären Installationen, filmischen oder prozessualen Arbeiten oder stark vom Umgebungskontext abhängigen Werken arbeiten, wird die digitale, multimediale Form der Vermittlung den klassischen Ausstellungskatalog bald ersetzen. Dank der technischen Entwicklungen und Möglichkeiten im digitalen Bereich sind Apps inzwischen erst zu nehmende Alternativen zum gedruckten Begleitband, die natürlich dann auch gegen ein gewisses Entgelt vertrieben werden können“, meint Schirn-Direktor Max Hollein. Die App wird ganz bewusst als Pendant zum Katalog beworben, der mit seiner individuellen Umschlagsgestaltung zum Unikat wird und als gebundenes Werk ganz eigene Vorteile hat. Zur haptischen Qualität und leichten Handhabbarkeit kommt nicht zuletzt, dass sich der Ausstellungskatalog gut im heimischen Bücherschrank macht – der mit dem starken Aufkommen elektronischer Bücher allerdings immer schmaler wird.

Ausgedient hat der gedruckte Katalog noch lange nicht. Es geht hingegen, wie beispielsweise bei Tageszeitungen und dem Internet, um eine gegenseitige Ergänzung unterschiedlicher Medien. Gerade für eine ephemere Kunst wie der Street-Art, die übermalt oder abgewaschen werden kann und heute auf morgen verschwindet, ist die App ein ideale Plattform. Folglich dürfte die „Street-Art“-App der Schirn Kunsthalle die Kunstwerke in der Frankfurter Innenstadt um einige Zeit überdauern – sofern sich nicht ein Bewunderer findet, der die farbintensiven Interventionen brasilianischer Künstler im Stadtraum erhalten will. Laut Schirn-Kuratorin Carolin Köchling gibt es darüber noch keine konkreten Verhandlungen. Die Reaktionen der Hausbesitzer auf die Sprayer-Kunst seien aber insgesamt sehr positiv gewesen. Das lässt hoffen.

Quelle: op-online.de

Kommentare