Inszenierte Augenblicke

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Mystisches Land: Sylmar, California, 2008

Frankfurt Augenblick und Inszenierung schließen sich in der Fotografie eigentlich aus. Der amerikanische Fotograf Philip-Lorca diCorcia hingegen vereint diese Gegensätze in vielen seiner Werke. Von Christian Riethmüller

Nun ist in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt eine große Ausstellung seiner Arbeit gewidmet. Der 1951 in Hartford im Bundesstaat Connecticut geborene diCorcia hat sich auf eine Fotografie spezialisiert, die scheinbar alltägliche Momente festhält. Doch es sind weder Schnappschüsse noch Dokumente. Alle Aufnahmen sind einer aufwendigen Bildregie unterworfen und präsentieren ihre Protagonisten oft in bis ins kleinste Detail inszenierten Arrangements. Wenn diCorcia etwa für seine Serien „Heads“ oder „Streetwork“ beiläufig vorbeischlendernde Passanten aufgenommen hat, ließ er sie durch ein perfekt ausgeleuchtetes Set spazieren, gab ihnen aber nicht zu erkennen, dass sie gerade Teil eines Kunstwerk werden sollen. So wirken die Menschen völlig in ihre Gedanken gekehrt und für einen Moment eingefroren, gleichzeitig aber auch wie in ein Gemälde implementiert.

„Ich sorge für den Rahmen, das Set, und hoffe dann, das etwas passiert“, beschreibt der an der Yale University unterrichtende diCorcia seine bevorzugte Arbeitsweise, die meist in Serien mündet. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen hat Kuratorin Katharina Dohm nun aus insgesamt sieben Serien eine Auswahl zusammengestellt, die nicht nur diCorcias Blick auf gesellschaftliche Realitäten dokumentieren, sondern zudem trefflich die große, oft ikonografische Qualität seiner Bilder zeigen.

Zu sehen sind alle 76 Arbeiten der Serie „A Storybook Life“, die in den Jahren 1975 - 1999 entstanden ist. In Auswahl präsentiert werden zudem die Bildserien „Hustlers“ (1990 - 1992), „Streetwork“ (1993 - 1999), „Heads“ (2000/01), „Lucky 13“ (2004) und die 2008 begonnene, noch nicht abgeschlossene Serie „East of Eden“. Letztere verweist mit ihrem Titel (dt. „Jenseits von Eden“) sowohl auf literarische als auch auf biblische Inspiration und große Themen wie Gut und Böse oder den Verlust der Unschuld.

Die Ausstellung „Philip-Lorca diCorcia. Photographs 1975 - 2012“ ist bis 8. September in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Fr - So 10 bis 19 Uhr, Mi und Do 10 bis 22 Uhr. Zur Schau ist ein sehr empfehlenswerter Katalog erschienen (27,80 Euro)  

Diese Unschuld haben die Protagonisten von diCorcias eindringlicher Serie „Hustlers“ schon längst verloren. Hier hat der Künstler rund um den Santa Monica Boulevard in Hollywood männliche Prostituierte aufgenommen. Obwohl durchinszeniert, strahlen gerade diese Aufnahmen eine besondere Melancholie aus. Von der Traumfabrik Hollywood nur einen Steinwurf entfernt, sind die Träume dieser „Hustlers“ doch längst verloren.

Quelle: op-online.de

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