Im Schlaf zur Frau gereift

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Tanzmärchen als Kammerspiel.

Dornröschens Schlaf müssen wir uns als eine Zeit des Reifens, des Erwachsenwerdens vorstellen, ihr Vater mag König, könnte aber auch jede andere Vaterfigur sein. Und hinter dem Geschehen in Peter Tschaikowskis Ballett nach dem Märchen der Gebrüder Grimm steht ohnehin ein anderer, eine Art Mephisto namens Frosch. Von Axel Zibulski

Ihn hat Stephan Thoss, Ballettchef am Staatstheater Wiesbaden, für seine ganz eigene Sicht auf das Handlungsballett hinzuerfunden.

Denn mit diesem Frosch paktiert der Vater-König, auf dass die Königin den lange erwarteten Nachwuchs zur Welt bringt. Das ist eine recht freie Adaption des „Dornröschen“-Stoffs, die Stephan Thoss zeigt, und doch wurde seine Choreografie auf Tschaikowskis Musik überwiegend freundlich bis wohlwollend aufgenommen. Keinen üppigen Festsaal zeigt er, sondern eine Art kammerspielartiges Tanzdrama, in dem Feen und sonstiges Märchenpersonal zu Begleiterscheinungen geworden sind. Im Zentrum steht die Konstellation der Familie und eben jenes Froschs, der wieder erscheint, als Dornröschen zur Frau wird. Nun begehrt er die Tochter.

Während des mit Pause auf gut zweieinhalb Stunden gestrafften Abends gibt es viel gewollten Stillstand, drängendes Warten, lastende Ungewissheit: Das passt nicht immer zur beschwingten bis süßlichen Ballettmusik, und doch bleibt die mögliche Polarisierung durch die radikal subjektive Sicht von Stephan Thoss aus.

Nächste Vorstellungen am 16. und 30. April

Vielleicht, weil seine Tänzerinnen und Tänzer einfach zu gut sind, Sandro Westphal und Emilia Giudicelli als Königspaar, Yuki Mori als wendiger bis gehetzter Frosch, Ina Brütting als erst devotes, bald zunehmend selbstbewusst aufblühendes Dornröschen. Einige Details des Märchens immerhin versagt Thoss dem Zuschauer nicht, zumal das hessische Staatsorchester unter Wolfgang Ott rhythmisch pointiert und hoch lebendig musiziert. Zu sehen ist etwa die Dornenhecke, in die sich das morbide bis bürgerliche Bühnenbild von Kaspar Zwinpfer einrankt, zu sehen ist auch ein positiver Schluss – obwohl Dornröschens Befreiung psychologisch beleuchtet und durch eine Persönlichkeitsentwicklung motiviert ist.

Quelle: op-online.de

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