Schlagende Argumente

Aus einer Zeit, da Deutschland noch kein Einwanderungsland war, stammt Arthur Millers Drama „Ein Blick von der Brücke“. Von Markus Terharn

Von Florian Fiedler am Schauspiel Frankfurt inszeniert, gewinnt das scheinbar zeitverhaftete und ortsgebundene US-Stück eine unverhoffte Aktualität, die es 1955 in der Bundesrepublik nicht besessen hat.

Auf Aktualisierungen kann die Regie verzichten. Allenfalls die Sprache ist etwas heutiger. Die Geschichte, mit großartigen Darstellern auf „Frankfurter Länge“ von anderthalb pausenlosen Stunden verdichtet, bleibt dieselbe, bis zum fatalen Ende.

In den Bühnenboden der Kammerspiele hat Vanessa Eder eine Kleine-Leute-Unterkunft eingepasst. Das Wohnzimmer ist knietief, die Küche hüfttief abgesenkt. Dies zwingt die Schauspieler zu turnerischen Verrenkungen, wenn sie über Streben steigen oder den Durchgang unter den Brettern passieren – überdeutliches, aber originelles Bild häuslicher Enge.

Hafenarbeiter als sittenstrenger Patriarch

Die beherrscht das Milieu wie die Figuren. Einerseits ist es im Hafenviertel Red Hook unter der New Yorker Brooklyn Bridge, die sich diagonal durch den Raum spannt, Ehrensache, dass etablierte Immigranten illegale Verwandte aufnehmen. Andererseits schafft es Spannungen.

Verkörpert ist das Problem im Hafenarbeiter Eddie, von Martin Rentzsch als sittenstrenger Patriarch angelegt. Die Gattin Beatrice, von Heidi Ecks als Frau des Ausgleichs gezeichnet, hat wenig zu melden. Als überbehütender Onkel wacht Eddie mit verdächtigem Eifer über die junge Catherine, der Henriette Blumenau Aufmüpfigkeit und Ausbruchswillen mitgibt.

Gelegenheit bietet sich, als es zwei ferne Vettern aus Sizilien unterzubringen gilt. Der dunkle, schweigsame Marco (Johannes Kühn) will Frau und Kinder mit Dollars unterstützen; der blonde, lebhafte Rodolpho (Mathis Reinhardt) fällt auf, weil er bei der Arbeit singt, kochen kann und Geld für Kleidung (Kostüme: Selina Peyer) ver(sch)wendet.

Regisseur greift Tabuthemen auf

Catherine gefällt der hübsche Jüngling. Das missfällt Eddie, der die üblichen Vorurteile schürt: Rodolpho sei nur auf den amerikanischen Pass scharf und sowieso kein richtiger Mann. Anwalt Alfieri, von Michael Benthin als schmierige Type gedeutet, sieht indes keine juristische Handhabe. Da greift Eddie zu verpönten Mitteln...

Von unterdrücktem Inzestwunsch bis zu unterstellter Homosexualität reicht die Palette der Tabuthemen, die der Autor im Text eher andeutet und der Regisseur handfest ausagieren lässt. In der Box-Choreografie hat der Offenbacher Trainer Peter Firner seine Fäuste gehabt. Dass die fünf Damen von der Einwanderungsbehörde asiatischer Abkunft sind, ist einer der vielen treffenden Einfälle.

Weitere Vorstellungen am 27. Mai und 2. Juni.

Quelle: op-online.de

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