Schlaglicht auf Schlaglicht

„Abendschau“ als Uraufführung am Schauspiel

Frankfurt - Eine Uraufführung - von George Tabori? Der 2007 im Alter von 93 Jahren in Berlin verstorbene ungarischstämmige Dramatiker hat als Regisseur die Inszenierung seines Stück „Abendschau“ 1979 an den Münchner Kammerspielen nach wenigen Proben abgebrochen. Von Stefan Michalzik

Einer der Schauspieler war bei einem Unfall umgekommen. Eines Todesfalles wegen der Abbruch also, was angesichts des Stoffs wie schwarzer Humor ganz nach Taboris Art wirkt. Seither harrte das Stück seiner Theatergeburt, Anfang dieses Monats hat es Frank Hoffmann, der Leiter der Ruhrfestspiele, in Recklinghausen aus der Taufe gehoben, als Koproduktion mit dem Théâtre National du Luxembourg, das Frankfurter Schauspiel hat es als Gastspiel eingeladen.

Eine Familiengeschichte - ein höllisch verstricktes Unglück aus Vater, Mutter, Sohn, Hund, in Amerika. Der Mann - Wolfram Koch - erzählt als Comedian im Fernsehen hanebüchene Witze. Die ziehen aber nicht mehr, der Medienmogul Goldwhine schmeißt ihn raus. Die Frau - Jacqueline Macaulay - ist attraktiv und gelangweilt; als die Wellen gerade mal wieder hoch schlagen zwischen den beiden und er schließlich mit dem Stuhl auf sie losgeht, bricht die Situation mit ihren lakonischen Worten: „Na endlich mal wieder ein richtig schöner Streit“ ab. Für den Termin bei Goldwhine hat sie sich mit einer blonden Perücke hergerichtet, der Mann hält sie an, ihre Brüste vorzukehren, weil der Mogul das mag, genützt hat die affige Show aber nichts. Der Sohn (Luc Feit, ein Schauspieler im mittleren Alter, in kurzen Hosen und Weste mit Fliege und seitlich gedrehter Schildmütze) schleppt fortwährend Tiere an und Monster. Selbst der Hund (mit amputierter Pfote und Halskrause: Ulrich Kuhlmann) ist zum Erbarmen elend seiner Träume verlustig gegangen, nie ist er Lassie begegnet.

Ein Stück vom Leben und vom Tod

Ein Stück vom Leben ist das und vom Tod, und von seinem Sendboten, der Krankheit. Es ist voll mit abgrundtiefem Wortwitz und der paradoxen Sprachfechterei, wie Tabori das so geliebt hat; im familiären Hintergrund schwingt der Holocaust mit, das Leitmotiv im Werk Taboris, dessen jüdische Familie zu einem großen Teil von den Nazis umgebracht worden ist. Immer wieder treibt Wolfram Koch als Vater die Groteske auf die Spitze des für diesen Schauspieler charakteristischen Nervenspiels, er bekommt einen Oscar für „den besten Tumor des Jahres“, derweil die Ärztin selbst aus dem letzten Loch röchelt

Eine Wand aus altertümlichen Koffern mit einem Portal als Eingang hat Karl Kneidl für die transitorische Reise zum Tod und Wiederbegegnung mit der eigenen Geburt samt ihrer Verweigerung geschaffen. Kein Ausweg, nirgends, an Kafka fühlt man sich erinnert, an die Familienstücke eines Tennessee Williams auch ein wenig, an seine Erzählung vom Scheitern des amerikanischen Traums. Tabori erzählt aber gar nicht so sehr, er macht einen Zustand gewärtig, Schlaglicht setzt er auf Schlaglicht.

Handwerklich ist es atemberaubend gut gemacht

Ein Theater von grandiosem Irrwitz! Handwerklich ist es atemberaubend gut gemacht, ergeht sich aber nicht in Gepflegtheit. Virtuos spielen sie allesamt, voran Wolfram Koch, bis zu den greisen Mehrfach-Kleinrollengeistern Christiane Rausch und Roger Seimetz; die Virtuosität ist von jener Sorte, die das immense Vermögen zum Diener macht, nicht zum selbstgefälligen Alleinherrscher. Solch eine Einheit von Text, Schauspielern und Bildern, solch eine Plausibilität bis in die tiefste Pore – das ist groß.

Quelle: op-online.de

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