Schnitzlers „Anatol“ am Schauspiel

Gefangen in der absoluten Freiheit

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Der vierfache Anatol: Paula Hans, Torben Kessler, Wiebke Mollenhauer und Christoph Pütthoff feiern Orgien.

Frankfurt - Vier Schauspieler stehen auf der Bühne. Zwei Herren in Gehrock auf der einen, zwei Damen im Kostüm auf der anderen Seite. Die Männer rezitieren Naturlyrik, hinter der die Lust brodelt, im Zaum gehalten vom Moralkorsett des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Von Christina Lenz

Der Vorhang fällt, Club-Musik erklingt und vier fast nackte, androgyne Körper bewegen sich exzessiv auf der Leinwand und der Bühne. Sie tun sich je nach sexueller Vorliebe zusammen, zu dritt, zu viert, egal in welcher geschlechtlichen Kombination.

Arthur Schnitzlers „Anatol“ ist ein zerrissener, unglücklicher Don Juan. Bei keiner seiner Affären hält es ihn. Die Frage, ob die Frauen ihm treu sind, quält ihn bis zum Wahnsinn. Florian Fiedlers Inszenierung am Frankfurter Schauspiel dagegen zeigt einen fröhlich abgespaltenen Anatol, eine multiple Persönlichkeit, gespielt von zwei Männern (Torben Kessler und Christoph Pütthoff) und zwei Frauen (Paula Hans und Wiebke Mollenhauer), die je nach Bedarf auch die restlichen Rollen übernehmen.

Die Lust dieser vier „Anatols“ ist entfesselter als die der zweifelnden Schnitzler-Figur. Ohne Scham lassen die Schauspieler fast im Minutentakt ihre Hosen herunter und verrenken sich in eindeutigen Posen. Anatol verschafft sich durch die Auflösung von Geschlechtergrenzen und die gleichgeschlechtliche Liebe neue Freiheiten und Lustfacetten.

Alles führt zu Orgien

Statt zu einer Handlung oder psychologischen Entwicklung führt das Spiel stets in eine Orgie. Reichten die Figuren von damals ihren Damen noch keusch den Arm, drücken die vier Anatols hier unumwunden ihre Geschlechtsteile aneinander. Doch wie frei die Freiheit der unendlichen sexuellen Möglichkeiten ist, wird zunehmend fragwürdig. Von denen auf die Bühne projizierten Tierfiguren hebt sich dieser Anatol kaum mehr ab.

Fiedler ist in unserer modernen Pornowelt angekommen, wo Sex kein Problem und kein Geheimnis mehr ist, wo 30.000 Mal pro Sekunde Pornoseiten geclickt werden. Der sich vermeintlich Auslebende erscheint als Gefangener seiner eigenen Lust. Eingesperrt in seinen Trieben wird er zum Abbild der zwei lebensgroßen, weißen Porzellanhunde, die leblos auf der Bühne (Maria-Alice Bahra) stehen. Anatol findet im Exzess der sexuellen Gier keinen Platz für seine Seele. Die Stühle, die auf der ansonsten kargen Bühne stehen, werden zur Befriedigung benutzt. Zur Ruhe kommt dieser Anatol nie.

Sinnfrage bleibt unbeantwortet

Am Ende landen die Figuren wieder vor dem Vorhang, in ihren historischen Kostümen. Sie sind näher zusammengerückt, die Häubchen und Zylinder verschwunden. Am Ende singen die vier Anatols ein Lied von Zarah Leander, eine Art weiblichem „Anatol“: „Es gibt so viele auf dieser Welt, ich liebe jeden, der mir gefällt“. Zu Glück führt diese Haltung schon bei Schnitzler nicht.

Unbeantwortet bleibt die Frage nach dem Sinn hinter all den Befreiungs- und Auflösungstendenzen. Crossgender und gleichgeschlechtliche Liebe sind Ausdrucksformen des zeitgenössischen Liebeskosmos. Die Frage nach dem Verhältnis von Liebe und Sexualität, von Befreiung und Versklavung, von Lust und Leere beantworten sie aber ebenso wenig wie Fiedlers Inszenierung.

Weitere Aufführungen am 27. und 28. November sowie am 7. und 8. Dezember. Karten gibt es unter 069 21249494.

Quelle: op-online.de

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