Schöne neue Bücherwelt

Faszinierendes Stöbern und Blättern: Auf der Leipziger Buchmesse war unlängst vom Ende des Gedruckten nichts zu spüren.

Den Fehler der Musikindustrie will Deutschlands Buchhandel nicht begehen. Die Musikbranche hielt zu lange an traditionellen Vertriebswegen fest, bot viel zu spät auf eigenen Plattformen im Internet Musikdateien an und förderte damit den illegalen Download. Elektronische Bücher hingegen können schon jetzt auf das von Sony angebotene Lesegerät „Reader“ heruntergeladen werden.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bietet mit der Datenbank libreka Zugriff auf fast 100 000 Titel und mehr als 30 Millionen Buchseiten aus 1 000 Verlagen in unterschiedlichen E-Book-Formaten (EPUB, Mobipocket oder PDF). Die Dateien haben wie gedruckte Werke eine eigene ISBN, zudem ist jedes E-Book im Verzeichnis lieferbarer Bücher aufgelistet. Der Kunde kann dem Buchladen seiner Wahl einen Teil des Erlöses zukommen lassen.

Literatur zum kostenlosen Download bietet hingegen die Internetplattform Google an, was von Verlegern und Autoren als eklatanter Rechtsbruch bezeichnet wird. Bei GoogleBooks kann der Internetnutzer kostenlos in europäischen Literaturklassikern herumstöbern. Die Datenbank umfasst sieben Millionen Exemplare aus Deutschland sowie Millionen weitere, die mit amerikanischen Urheberrechten belegt sind.

Gegen diese Praxis gingen Verlage und Autoren unlängst in einer Sammelklage vor. Die Parteien schlossen eine Übereinkunft, nach der Google für Urheberrechtsverletzungen an Autoren und Verlage eine Pauschalsumme von 45 Millionen US-Dollar zu zahlen hat und für 34,5 Millionen US-Dollar eine Registrierungsstelle finanzieren soll, die eine Auszahlung von Tantiemen an die Betroffenen organisiert. Angeblich will sich GoogleBooks am E-Book-Markt beteiligen und in Zukunft in gleicher Weise digitalisierte Texte anbieten wie libreka.

Dr. Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, kommentierte die Entscheidung mit den Worten: „Mit dem Settlement wird Google für eine millionenfache Urheberrechtsverletzung belohnt statt bestraft. Obgleich sich in der Vereinbarung auch positive Aspekte erkennen lassen – z.B. die Wiederbelebung vergriffener Bücher –, überwiegen die Nachteile deutlich. Das Settlement beschneidet zentrale Rechte von Autoren und Verlage und gefährdet die kulturelle Vielfalt im Buchbereich. Google wird künftig gleichzeitig als Buchsuchmaschine, Buchhändler, Bibliothek und Verlag agieren und im Handel mit elektronischen Buchinhalten womöglich eine monopolartige Stellung erreichen. Aus europäischer Sicht ist der für die Verständigung mit Google gezahlte Preis viel zu hoch.“

Dass Bücher über das Internet verkauft werden, ist längst alltäglich. Anbieter wie Amazon oder buch.de wickeln ihre Geschäfte mit Erfolg ausschließlich im Netz ab. Der Leser genießt Vorteile wie schnelle und bequeme Lieferung nach Hause und die Möglichkeit, Titel gezielt vom heimischen Schreibtisch aus suchen zu können.

Der traditionelle Buchhandel steht trotz der libreka-Abgabe vor einer existenziellen Herausforderung, der er mit einer sinnlichen Inszenierung des Lesestoffs begegnen will. Die meisten Exemplare in den Auslagen der Geschäfte sind nicht mehr in einer Schutzhülle verpackt, sondern für interessierte Blätterer direkt greifbar. Schon beim Eintreten in den Offenbacher Weltbild-Laden weist eine Bestsellerliste auf kubenförmig arrangierte Romane hin. Die Atmosphäre im Laden gewinnt an Bedeutung. Aus einstigen papierenen Enklaven entstehen multiple Erlebniswelten. Oft sind Dekorationen ganzer Räume oder Schaufenster einem aktuellen Spitzentitel angepasst. In der Offenbacher Thalia-Buchhandlung werden Neuerscheinungen mit exotischem Likör und Osterfiguren präsentiert. Weltbild bietet Bastel- und Kreativartikel, im Kinderbuchregal sogar Spielzeug an.

Dass der Einzelne mit dem Prozess des Lesens immer noch eine besondere Erfahrung verbindet, könnte entscheidend für die Zukunft des Buchs und der Buchhändler sein. Das Gefühl beim Blättern und Schmökern kann kein E-Book-Reader ersetzen. Daher bleibt offen, ob das traditionelle Buch auf lange Sicht zum Accessoire abgewertet wird und Buchhandlungen aus den Innenstädten verschwinden. Weit ist es mit dem Erfolg des E-Book-Readers jedenfalls nicht her. In Kanada, Großbritannien und den USA, wo es das Sony-Gerät seit längerem gibt, sollen lediglich 300 000 Exemplare verkauft worden sein. In Japan wurde dem Vernehmen nach der Vertrieb des Amazon-Readers wieder eingestellt. Dort schreibt und liest man auf dem Handy. BIANKA REHN

Quelle: op-online.de

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