Edda Jende zeigt Objekte aus Porzellan und Keramik im Haus der Stadtgeschichte.

Schönes lässt zur Ruhe kommen

Wie geschichtetes Papier wirkt diese filigrane Schöpfung.

Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider betonte es erneut: „Wir wollen eine Kunsthalle etablieren“. Er ist stolz auf erstklassige Bestände und (mögliche) Nachlässe Klassischer Moderne in seiner Heimatstadt. Da könnten sich Arbeiten der 1941 in Offenbach geborenen Keramikerin und Raumkünstlerin Edda Jende, seit 1982 in Bergisch Gladbach bei Köln beheimatet, lückenlos in die Werkreihen Erich Martins, Karl-Heinz Steibs oder Ottomar Gassenmeyers einfügen. Zu sehen sind sie erstmals in der Ausstellung „sehen – erkennen“ in der Industriehalle im Bernardbau.

Die Grundlagen hat sich Jende in der Keramikklasse Lore Kramers an Offenbachs Werkkunstschule (heute Hochschule für Gestaltung/HfG) geholt. Da waren klare, zeitlose Formen angesagt, materialgerechtes Erkunden keramischer Massen und Glasuren, fachmännisches Brennen. Davon profitiert Jende bis heute.

Aber in ihrer abstrahierenden Darstellung menschlicher Befindlichkeiten und Grundsituationen geht sie neue Wege, mit kritischer Sicht auf gesellschaftlichen Kontext. „Meine meist weißen, unglasierten Porzellanarbeiten sollen nicht nur schön sein“, lautet ihr Credo. Sie sollen schmerzhaftes Erkennen befördern, Vertrauen bestätigen oder innere Ruhe auslösen.

Der Rundgang gleicht einer Meditation, Einsichten und Erkenntnisse steigen auf. Aber auch das Bedürfnis, Skulpturen, Reliefs und Installationen anfassen zu dürfen. „Zum Ziel“ bewegen sich rotbraune Steinzeug-Figuren über eine zwischen Metallstäbe verspannte Treppe. Mensch liegt dort, kriecht, sitzt, liegt, streckt sich empor, umarmt oder reicht die Hand. Daneben trägt das überdimensionale, schwarz-weiß glasierte Schachbrett („Bauernopfer“) nicht übliche Figuren. König, Dame, Turm, Läufer und Bauern sind in Würfel verwandelt und von 1 bis 6 klassifiziert.

Jende kennt sich aus mit Gesellschaft. „Gleiches Maß“ nennt sie eine archaische Installation aus schwankenden Porzellanhalbkugeln und Quarzsand auf oxidierten Stahlplatten. „Die zehn Kugeln stehen ebenso für zehn Schöffen bei Gericht und die zehn Gebote“, sagt sie und wirft Gespür für Gerechtigkeit in die Waagschalen. Sensibilität für Oberflächen korrespondiert mit dem Blick ins Innere: Das konzentrische Porzellanrelief „Hochmut“ fordert mit scharfen Kanten und fragilen Wänden beinahe Demut ab. Das Relief „Vergessen“ wirkt wie gerissenes und geschichtetes Papier, verblüffend virtuos. Das Porzellan-Diptychon „Traum und Wirklichkeit“ konfrontiert Harmonisches mit abweisend Stachligem.

Beim Gehen mit Händen und Augen über die Installation „Lebensbrücke“ zeigen sich nach anfänglich glatten Porzellanbalken („Geburt“) in der Mitte des Lebenswegs zunehmend Löcher, zum Ende wird alles rissig und brüchig. Nicht nur da spricht Jendes Lebenserfahrung. In dreiteiliger Wandarbeit „Aufbruch“ hinterfragt sie soziales Gefüge: Basaltsäulen verwandeln sich bei ansteigender Bewegung in Kugeln, die auf- und zerbrechen.

Porzellan gewordene Philosophie sind Arbeiten wie „Beobachter“, „Greif-Bar“, „Entschlossenheit“, „Vertrauen“ oder „Suche nach dem Ich“. Bei „Karriere“ verfängt sich der Betrachter im Spinnennetz, das Anschauen der Wort-Installation „Erinnerungen“ gerät zur Selbsterkundung. Solche Mischung aus Akribie, Gelassenheit und Solidarität in Porzellan ist in der bildenden Kunst selten. Daneben demonstriert Jende malerische Meisterschaft. In farbigen Porzellanschalen und -bildern lässt sie Kristallglasuren und Craquelé-Effekte in Tiefblau und Grüntönen aufblühen: Klassische Moderne in ihrer schönsten Form! REINHOLD GRIES

P„sehen – erkennen“: Porzellan und Keramik von Edda Jende vom 11. Juli bis 8. August im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr.

Quelle: op-online.de

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