Raffaels Zeichnungen im Frankfurter Städel

Schönheit und Anmut

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Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben (Studie für „Madonna im Grünen“), um 1505/1506

Frankfurt - Mit Michelangelo und Leonardo da Vinci bildet er das Dreigestirn italienischer Hochrenaissance, der Maler Raffaello Santi (1483-1520). Als Baumeister vollendete er den Petersdom und als Konservator beaufsichtigte er vatikanische Antiken. Von Reinhold Gries

Schon zu Lebzeiten wurde der in Urbino, Perugia, Florenz und dann für zwei Päpste Wirkende hoch verehrt. Nachdem er, wohl genau am 37. Geburtstag, starb und ins Pantheon überführt wurde, schlug das in Heroisierung um. Ein Gesandter ließ 1520 im Trauerschreiben „il divino“, den „Göttlichen“, mit 33 Jahren sterben – parallel zum Sterbealter Jesu Christi.

Im Frankfurter Städel, bei der ersten Gesamtschau zu Raffaels Handzeichnungen in Deutschland, geht man andere Wege: Betrachter werden nah herangeführt an kostbar malerische bis skizzenhafte Originalblätter, gezeichnet mit Feder und Pinsel, Tinte und Deckweiß, schwarzer und roter Kreide, Silberstift und Kohle. Selbst farblos mit dem Griffel gezogene oder mit der Nadel durchstochene Konturen machen Werkprozesse transparent. Der spielerisch überlagernden „prima idea“ von „Madonna mit Kind in einer Glorie“ nimmt man 500 Jahre ebenso schwer ab wie locker hingeworfenen Studien zum Jesuskind oder wie mit Weichzeichner gemalter Pinselzeichnung „Maria mit dem Kind und Johannesknaben“. Reich modulierte Körperstudien sprechen ebenso unmittelbar wie flinke Notizen.

Verschwindende Distanz

Die Distanz, die man vor Raffaels „Sixtinischer Madonna“ in Dresden oder in Rom empfindet, verschwindet. Umso größer wird die Bewunderung, wenn man auch an Kampfszenen sieht, wie modern Raffael Bildlösungen und emotionalen Ausdruck auslotete, ohne bei Darstellung von Leid, Glück oder Ekstase ins Extrem zu gehen. Innige Madonnen-Motive, lebendige „storia“-Bilderzählungen, subtil gefügte Historienbilder oder die Entwürfe für die römische Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace zeigen: Raffaels in sich ruhende Kompositionen erstreben Vollkommenheit und setzen dabei auch verschiedene Zeit- und Erzählebenen simultan nebeneinander.

Raffael (Raffaello Santi, 1483–1520): Entwurf für die Disputa, entstanden um 1508/1509

Vom lockeren „disegno“ bis zum ausgereiften „modello“-Karton spürt man den großen Gehalt von Raffaels Fresken und Altarbildern, Tapisserien und Raumgestaltungen. Auch Rötelzeichnungen zum Bethlehemitischen Kindermord, die weiß gehöhte Rückenansichten eines Kriegers zu Pferd oder die Licht-Schatten-Studie des nach vorn stürmenden Soldaten haben enormen Eigenwert. Wie modellhaft Raffael an Entwürfen zur nie realisierten Kapelle des päpstlichen Bankiers Agostino Chigi arbeitete oder auch zur vatikanischen „Stanza della Segnatura“, lässt sich im Vergleich von Originalzeichnungen und farbiger Großreproduktion schön nachvollziehen. Vor allem kann man Raffaels künstlerische Entwicklung vom jungen Michelangelo-Verehrer zum Neuerer der Kunst nach 1500 mitgehen, beginnend bei fast noch mittelalterlich strengen Erlöserszenen, die sich in lebendiges Miteinander der Bildfiguren verwandeln.

Hinter Zeichnungen für den Vatikan steht dann der Humanist, der sich in „Disputa“ mit Theologie, in „Schule von Athen“ mit Philosophie, im „Parnaß“ mit Dichtkunst und in „Übergabe der Pandekten“ mit Rechtsprechung befasst. In rhythmisierten, dynamisch fließenden Kompositionen überwindet Raffael vorangegangene Aneinanderreihung der Bildfiguren. Was Städel-Direktor Johann David Passavant vor 150 Jahren sammelte und nun Meisterzeichnungen der Windsor-Sammlungen, des Louvre und der Uffizien gegenübergestellt ist, macht „rinascimento“, die von Italien ausgehende Wiedergeburt der Antike unter neuen Vorzeichen, sichtbar. Raffaels Synthese von Schönheit und Anmut wurde ein Vorbild der Malerei bis zur Moderne.

Quelle: op-online.de

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