Schönheit des Schrecklichen

+
Im Frankfurter Mousonturm setzt sich Fabian mit Systemen und dem Funktionieren in Systemen auseinander, führt Schritt für Schritt vor, wie Unterordnung aussieht.

Eine Stimme zählt auf französisch bis vier. Die Tänzer bewegen ihre in Stiefeln steckenden Füße im Marschtritt. Nach kurzer Zeit entwickeln sie daraus diese reduzierten, sich in Variationen wiederholenden Hand- und Beinbewegungen, die so typisch für die Choreografien von Jo Fabian sind, Ornament und Minimalismus zugleich. Von Astrid Biesemeier

Im Bühnengrund stehen drei Trommler, Springerstiefel, weiße Hemden, schwarze Schlipse, Kniebundhosen. Irgendwann rufen die Tänzer: „We are free!“ Aus der Zuschauerperspektive spottet dieser Ausruf dem Gesehenen. Fabian bewegt seine Tänzer in strenger Form wie Schachfiguren über die weißen Quadrate, die ein Kreuz formen. Hinter ihren Handbewegungen verschwindet ihre Individualität.

Im Frankfurter Mousonturm setzt sich Fabian mit Systemen und dem Funktionieren in Systemen auseinander, führt Schritt für Schritt vor, wie Unterordnung aussieht, zitiert Symbole bekannter Systeme: Zeichen des Faschismus, die Sonne des Sozialismus, die Kirche mit Weihwasserbecken, Ballett oder Leasingverträge. Am Ende zeigt er, was mit denen passiert, die ausscheren – schließlich heißt sein Werk „Independent Swan“.

Fabian kennt sich aus mit Systemen; ist der Choreograf, Bühnenbildner, Lichtdesigner und Videokünstler doch in der DDR aufgewachsen. Seine Bilder waren oft von berückender Schönheit. Auch hier ist die durchkomponierte Ästhetik zu erkennen. Doch die Schönheit des Schrecklichen wandelt sich ins Erschrecken vor dem Schönen.

Andererseits scheint das Gesehene mit seinen plakativen Zeichen gewissermaßen historisch. Fabian bleibt im Sichtbarmachen der verführerischen Oberfläche dieser sattsam bekannten, wiedererkennbaren Systeme stecken. Das Heute, das genug Fragen parat hält, wird kaum sichtbar. Von Fabian wäre mehr zu erwarten als verstörende Schönheit, in der Blut tropft und durch die Rammstein-Musik wummert. Schade!

Quelle: op-online.de

Kommentare