Der schönste und schwierigste Beruf

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Seit einigen Wochen leitet Philippe Pirotte die Frankfurter Städelschule. Der Belgier will den Studenten Ruhe gönnen und die internationale Zusammenarbeit fördern. Es dürfen nicht nur Privilegierte sein, die den Freiraum zum Denken, Träumen, Spekulieren bekommen Philippe Pirotte leitet seit Anfang April die Frankfurter Kunstakademie.

Frankfurt - Nach außen hin macht die Städelschule nicht viel her, allein schon von der Örtlichkeit her betrachtet. Das Kunstmuseum gleichen Namens mit seiner repräsentativen zum Frankfurter Mainufer hin gelegenen Fassade zieht ein immenses Publikum an. Von Stefan Michalzik 

Die Staatliche Hochschule für Bildende Künste, so heißt das vom Museum unabhängige Institut amtlich, befindet sich praktisch im Hinterhof, der Weg ins Gebäude, das von der architektonischen Bescheidenheit der Nachkriegszeit geprägt ist, führt durch eine urbane Idylle. Ruhe, hebt Philippe Pirotte hervor, spiele für das Kunststudium eine ganz wichtige Rolle. Seit Monatsanfang ist der belgische Kunsthistoriker Rektor an der Städelschule. Einmal im Jahr öffnet die Schule sich für den Atelierrundgang, zudem verfügt sie mit der Ausstellungshalle Portikus Städelschule über ein international renommiertes Fenster zur Kunstwelt. Dabei soll es nach dem Willen von Pirotte bleiben. Man dürfe die Studenten in ihrer Entwicklung nicht stören.

„Raum zum Denken, Träumen, Spekulieren - das gibt es kaum in der Welt.“ Ein Schulgeld muss, zumindest für das Kunststudium - daneben gibt es die Studiengänge Architektur sowie Kuratieren und Kritik - nicht bezahlt werden. Das solle auch so bleiben. „Es dürfen nicht nur die Privilegierten sein, die diesen Freiraum bekommen.“ Einfach toll sei das: Hochkarätige Künstler - Peter Fischli beispielsweise oder Douglas Gordon - setzen einen Teil ihrer Kraft und Zeit dafür ein, an der Städelschule zu lehren. Um eine Ausbildung im klassischen Sinne gehe es da weniger, vielmehr um eine Begleitung. Was bedeutet es, ein Künstler zu sein, seinen Visionen zu folgen? In diesem geschützten Raum könne man sich erproben - und auch herausfinden, ob man sich tatsächlich auf „den schönsten und möglicherweise auch schwierigsten Beruf der Welt“ einlassen will.

Vorzug von Frankfurt als Kunststadt

Eine gewisse Ruhe stelle auch einen Vorzug von Frankfurt als Kunststadt dar. In Berlin oder Brüssel etwa werde den Studenten angesichts einer hohen Dichte an Galeristen immer gleich über die Schulter geschaut. In Frankfurt hingegen werde die Kunstszene weitreichend von den Studenten bestimmt, mit vielen Off-Räumen und jungen Galeristen. Es laste nicht so ein großer Druck auf Künstlern, die am Anfang ihres Wegs stehen. Gleichzeitig finde man, obschon die Stadt nicht besonders groß ist, eine enorm hohe Dichte an Institutionen vor, vom Städel und dem Museum für Moderne Kunst, Kunstverein und Weltkulturen Museum, Forsythe Company, Mousonturm und Frankfurt-LAB. „Frankfurt ist eine Miniaturmetropole.“

42 Jahre ist der belgische Kunsthistoriker gerade alt geworden, in die Museen hat es den Sohn eines Linguistenpaars früh gezogen; dass ihm zum Künstler das Talent fehlt, habe er aber schnell erkannt. Nach dem Studium hat er zunächst an der Reichsakademie für Bildende Künste in Amsterdam gelehrt, 2005 bis 2011 leitete er die Kunsthalle Bern, zuletzt hat er als Kurator in Kalifornien gearbeitet, am Berkeley Art Museum und am Film Archive der University of California. Über manche seiner Pläne für die Städelschule will er so kurz nach dem Amtsantritt noch nicht sprechen. Ganz sicher werde es um die Frage gehen, wie man sich in einer globalisierten Gesellschaft positioniert. Die Zentren haben sich multipliziert, dessen müsse man ich bewusst sein, die Kunstwelt spiele sich nicht länger allein in New York, London und Berlin ab, Thailand, Korea oder die ghanaische Hauptstadt Accra sind ins Blickfeld geraten. Die „mondiale Zusammenarbeit“ will Philippe Pirotte vorantreiben.

Nikolaus Hirsch, der Vorgänger im Amt des Rektors, hat eine Verlängerung seines Vertrages ausgeschlagen, weil er angesichts einer mangelhaften ökonomischen Ausstattung keine Perspektiven sah. „Nicht ausreichend“, lautet auch der Befund von Philippe Pirotte. Durch die Einwerbung von Drittmitteln, etwa aus der Wirtschaft, lassen sich Lohn- und inflationsbedingte Kostensteigerungen aber nicht ausgleichen. Strukturelle Finanzierungszusagen brauche es; Stadt, Land, und Bund sieht Pirotte in der Verantwortung, womöglich auch die Europäische Union.

Quelle: op-online.de

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