Schüsse knallen, Dolche blitzen

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Feindliche Brüder: Karl ( Marc Oliver Schulze) ...

Frankfurt - Ferner können Brüder einander nicht sein. Links in der riesigen Bühnenöffnung steht der krawallige Karl, rechts der falsche Franz, neben ihm sitzt beider Vater. Dazwischen lungern die jungen Kerle, die Karls „Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert“ teilen. Von Markus Terharn

Aus ihnen werden in Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“, die Freiheit wollen und Verbrechen begehen – jene Kraft, die Gutes will und Böses schafft. Der wahre Finsterling ist indes Franz, die Kanaille. Auch am Schauspiel Frankfurt, wo ein Regieteam um Enrico Lübbe die Spielzeit im technisch erneuerten Großen Haus mit Mut zum Klassiker eröffnet hat.

... und Franz ( Sascha Nathan).

Was ungekürzt Stunden dauern würde, kommt in knackigen 100 Minuten rüber. Und was vom Texte übrig bleibt, ist kühn montiert. Wo der Dichter hin und her schneidet, ermöglicht die stahlskulpturale Einheitskulisse (Henrik Ahr) Parallelaktionen. So werden etwa die feindlichen Brüder nicht nacheinander exponiert, sondern hübsch abwechselnd. Schneller Wechsel zwischen böhmischem Wald und fränkischem Schloss ist ohnehin Trumpf. Trotzdem kann der Zuschauer stets der Handlung folgen. Auch Schillers Sturm-und-Drang-Prosa behält bei aller Straffung ihre Kraft. Da viele Gräuel bloß berichtet werden, ist dies wichtig. Doch Auge und Ohr kommen mehr auf ihre Kosten, als so manchem lieb ist: Schüsse knallen, Dolche blitzen, Blut spritzt. Totgesagte und -geglaubte stehen wieder auf. Es ist eine richtige Räuberpistole...

Liebling des Premierenpublikums

Für Tiefenschärfe zeichnen die Schauspieler verantwortlich. Marc Oliver Schulze spiegelt die Zerrissenheit Karls zwischen seinen Idealen und seinen Taten, der Liebe zur Braut und der Treue zur Bande. Sascha Nathan gibt Franz, den benachteiligten Zweitgeborenen, als intrigantes Kind, das nicht erwachsen werden will, an der Grenze zur Karikatur: Liebling des Premierenpublikums!

Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ auch am 21. und 30. September, 2., 3. und 5. Oktober.

Felix von Manteuffels alter Moor hat seine stärkste Szene, als er den vermeintlichen Tod des verlorenen Sohns beklagt. Sandra Gerling als Karl zugedachte, von Franz begehrte Amalia ist jener Fremdkörper, der die einzige Frau im Stück eben ist, betont durch unwirkliches Glitzerkleid (Sabine Blickenstorfer). Aus den Räuberreihen ragt Michael Benthin als skrupelloser Spiegelberg heraus. Die Inszenierung erinnert an Michael Thalheimers grandiose „Maria Stuart“ aus der Vorsaison, ohne sie ganz zu erreichen.

Quelle: op-online.de

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