Die Schuld lässt sich nicht übertünchen

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An Andri (Stefan Graf, mit Mütze) reiben sich die Andorraner.

Mainz - Am Ende sind die Wände geweißelt, aber die Schuld, die die Andorraner auf sich geladen haben, ist nicht übertüncht. 90 Minuten lang haben sie in der Inszenierung von Intendant Matthias Fontheim am Staatstheater Mainz Vorurteile verbreitet, ungerecht, gemein oder ängstlich gehandelt. Von Astrid Biesemeier

Bis Andri sich tatsächlich gemäß dem Bild, das sie von einem Juden haben verhält – und es Tote gibt... Mit dem 1961 uraufgeführten „Andorra“ hat Max Frisch ein Stück über Identität und Vorurteile geschrieben. Passend dazu sieht die Bühne von Johannes Schütz wie ein Labor aus: Graue Fliesen bedecken die Wände des rechteckigen Raums, dem niemand entkommt. Alles ist sauber und spiegelglatt. Doch wenn Barblin (Lisa Mies) zu Beginn anfängt, die Wände zu weißeln, weiß man, dass allenfalls der Boden propper ist. Dieser Sauberkeit haftet etwas Zwanghaftes an.

Damit ist man mitten in der Schwierigkeit: Fast jeder, der „Andorra“ sieht, weiß, worum es geht, wofür die sich für tolerant haltenden Andorraner stehen. Ambivalenzen, die das Menschsein ausmachen, sucht man vergebens. So leben auch in Fontheims Modellstaat Modellmenschen, die bestimmte Funktionen zu erfüllen haben.

Zweiter Teil durch nüchterne Kälte

Stefan Graf sieht mit seiner Wollmütze zwar aus wie ein heutiger junger Mann, haucht Andri aber keine lebendige Wandlung ein. Stefan Walz, der seinen Vater darstellt, scheint der Raum für das Drama dieser in Alkohol flüchtenden Figur zu fehlen. Michael Schlegelberger führt die Schlichtheit des Tischlers so vor, wie dieser Andri vorführt, wenn er den vermeintlich von diesem angefertigten Stuhl zerlegt und munter das Vorurteil pflegt, dass der das Handwerkliche ja schließlich nicht im Blut habe.

Weitere Aufführungen sind am 7., 18. und 28. Januar zu sehen.

Zwar gewinnt die Inszenierung im zweiten Teil durch die nüchterne Kälte, mit der Fontheim die grausame Absurdität inszeniert, die in der Judenschau und dem Befehl des Soldaten (Zlatko Maltar) „Lachen – oder ich schieße!“ gipfelt. Insgesamt aber überzeugt „Andorra“ (das Fontheim vor gut einem Jahr mit einem Teil des Ensembles am Schauspielhaus Zürich inszeniert hat) nicht. Es wirkt so modellhaft gut gemeint wie das Stück, glatt wie die Fliesen des Bühnenbilds. In dem auswegslosen Raum kann das Publikum Autor und Regisseur beim Denken zusehen – was durch den zeigefingerhaften Kniff, dass alle Schauspieler die ganze Zeit anwesend sind, verstärkt wird. Das Publikum nahm die Inszenierung jedoch begeistert auf.

Quelle: op-online.de

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