Sciarrinos „Macbeth“ am Mainzer Staatstheater fein ausgeleuchtet

Schuld und Visionen

Sciarrinos Shakespeare-Vertonung geht im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters fesselnd wie ambitioniert über die Bühne: Katherine Marriott gibt dort die Lady Macbeth, Christian Rathgeber den Banquo. Foto: Martina Pipprich

Zum großen Fest bei Macbeth grüßt kurz Mozart herein: Die finstere Auftrittsmusik des steinernen Gasts aus „Don Giovanni“ kündigt die Erscheinung von Banquos Geist an. Auch Verdis „Maskenball“ spukt durch das Kammerorchester. Von Axel Zibulski

Die Anspielung als Teil des Spiels: Salvatore Sciarrino, der 1947 geborene Sizilianer, ist kein Traditionsverweigerer. Und er ist beliebt auf den Opernbühnen, beliebter als beinahe jeder andere Gegenwartskomponist.

Im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz hatte nun Salvatore Sciarrinos italienisch gesungene Oper „Macbeth“ Premiere, als „drei Akte ohne Namen (nach Shakespeare)“ untertitelt und 2002 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt. Zum Teil eines regionalen Sciarrino-Reigens wird das Staatstheater Mainz auf diese Weise, denn die Oper Frankfurt zeigt aktuell im Bockenheimer Depot sein Musiktheater „Luci mie traditrici“, und das Nationaltheater Mannheim brachte am Vorabend der Mainzer Premiere Sciarrinos jüngstes Werk „Superflumina“ zur Uraufführung.

Der konzentrierte Blick ins Innere der Shakespeare-Figuren, dazu Sciarrinos suggestive, in Mainz ausnahmsweise einmal gar nicht so leise, auf vokale Linien und emotionalen Gestus vertrauende Musiksprache sollten nach 100 pausenlosen Minuten das Publikum ganz überwiegend für sich einnehmen. Ein Vorteil gewiss: Das Sujet ist bekannt, die blutige Schuld des von Visionen geplagten Macbeth wie seiner schließlich dem Wahnsinn verfallenden Lady. Tatjana Gürbaca, designierte Mainzer Operndirektorin, leuchtet das in ihrer Inszenierung fleckenlos aus. Zuschauer sitzen wie Zeugen auch seitlich der offenen Bühne. Was von deren Rückseite aus gefilmt wird, lässt sich als Projektion auf der geschwungenen Decke schauen (Bühne: Stefan Heyne).

Blut mag tropfen, Waffen dürfen im Spiel sein. Doch ist das Drama so fein ausgeleuchtet, wie Sciarrinos Musik es vorgibt, mit ihren langen Haltetönen, ihren abtropfenden und beiläufig wegperlenden Linien, ihren instrumentalen Vereinzelungen samt Atem- und Klopfgeräuschen. All das hat sich das Philharmonische Staatsorchester Mainz, seitlich und hinter der Szene sitzend, unter der Leitung von Clemens Heil hörbar akribisch angeeignet. Patrick Pobeschin, als geschmeidiger Macbeth so sonor wie möglich, Katherine Marriott, als Lady so expressiv wie nötig: Sie prägen dieses psychologische Drama, das sich auf einer ansteigenden Fläche oft im Liegen und Räkeln abspielt und dessen Szene die Distanz zum Publikum vollends aufgibt, als sich die wahnsinnig gewordene Lady an die Beine der Zuschauer in den vorderen Reihen schmiegt.

Neben dem sechsköpfigen Chor vereinen die drei weiteren Solisten, so von Sciarrino gewollt, je mehrere Figuren auf sich: Kai Uwe Schöler ist als Duncan und Macduff zugleich Gerächter und Rächer, Christian Rathgeber als Banquo sein eigener Geist. Er gehört wie Almerija Delic (Fleance und andere) dem Jungen Ensemble am Staatstheater Mainz an, garantiert aber in dieser Kooperation mit der Mainzer Hochschule für Musik zugleich ein hoch professionelles Niveau in der Auseinandersetzung mit einem der meistgespielten Gegenwartskomponisten.

Das von massiven Finanzkürzungen bedrohte Staatstheater hätte kaum einen günstigeren Zeitpunkt treffen können, um zu zeigen, wie ambitioniert, fesselnd und leistungsstark zeitgenössisches Musiktheater dort – noch – möglich ist.

‹ Nächste Vorstellungen heute Abend sowie am 2., 16. und 29. Mai

Quelle: op-online.de

Kommentare