Ein Schuss, der sitzen muss

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Kongenial hat Jochen Schölch den Neoklassiker für das Münchner Metropoltheater eingerichtet.

Dreieichenhain - Was man mit Schirmen alles machen kann! Man kann mit ihnen zielen und schießen, treffen und verfehlen. Man kann sich hinter oder unter ihnen verstecken, einen Wald simulierend. Von Markus Terharn

Man kann mit ihnen tanzen, wie mit Flügeln schlagen, aus ihren Griffen sogar ein Herz formen. Nur aufspannen kann man sie nicht, wenn man als Publikum im Hayner Burggarten sitzt. Das hätte den Blick verstellt auf die grandiose Inszenierung von „The Black Rider“, für die das Metropoltheater aus München bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain zu Recht gefeiert wurde.

Opernfreunde kennen die Geschichte des Mannes, der Försters Tochter heiraten will und leider kein guter Schütze ist, aus Carl Maria von Webers „Freischütz“. Diese deutsche Sage haben drei Kultstars der US-Kulturszene in Musicalform radikal erneuert, auch amerikanisiert, ohne ihr etwas von der Zeitlosigkeit zu rauben: Beat-Autor William S. Burroughs, Multi-Musiker Tom Waits und Regie-Legende Robert Wilson schufen einen Neoklassiker, den Jochen Schölchs deutsch gesprochene, englisch gesungene Regiearbeit kongenial wiedergibt.

Das A und O dafür sind die Darsteller, angeführt von der überwältigenden Viola von der Burg. Totenbleich könnte sie wahlweise der Addams-Familie oder der „Rocky Horror Show“ entsprungen sein. Als Stelzfuß mit Krächzstimme übt sie unwiderstehliche Anziehungskraft auf Schreiber und Schöngeist Wilhelm aus, der sich von ihr unfehlbare Kugeln herstellen lässt. Wie sie diese konvulsivisch aus sich heraufwürgt, ist ein Höhepunkt; dass der „letzte Schuss“, der vom Teufel vergiftete, auch aus der Heroinspritze kommen kann, wird deutlich. Den weltfremden Freier verkörpert Philipp Moschitz mit Blondscheitel und Brille perfekt verklemmt.

Distanz zum Geschehen besorgen zwei Randfiguren, die sich zunehmend als wahrer Mittelpunkt erweisen. Christian Baumann ist als Oheim im Rollstuhl so etwas wie der Conférencier in „Cabaret“ – allgegenwärtiger Kommentator, Grimassenschneider, Witzereißer, Ranschmeißer ans Auditorium und CD-Verkäufer, schaurig ausstaffiert von Andrea Fisser. Als depperter Gehilfe läuft Andreas Thiele zu Hochform auf, wenn er das tragische Schicksal des Georg Schmid erzählt.

Mehr Typen als Individuen sind die braven Bürgersleute: Ernst Matthias Friedrich als Erbförster, Katja Schild als seine Frau, Kerstin Dietrich als umworbene Tochter, Sven Hussock als Jägerbursche. Mit Iris Marie Kotzian und Katharina Haindl als Brautjungfern und Vogelfrauen bilden sie ein hinreißendes Gesangsensemble, das in Katja Wachters Choreografie auch tänzerisch Großes leistet, vor allem im Hochzeitstanz, der prompt die Zugabe liefert.

Dazu hat Waits eine grelle Jahrmarktmusik geschrieben, die sich für keinen Effekt zu schade ist, aber die schöne Melodie nicht verschmäht. Wie die lediglich fünfköpfige Band unter Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg das hinter der Bühne rüberbringt, ist phänomenal.

Mit Einsprengseln aus Mozarts „Zauberflöte“ und Schillers „Wilhelm Tell“ kommt auch der Bildungsbürger auf seine Kosten: Zwei Stunden Genuss ohne Reue!

Quelle: op-online.de

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