Schutzräume für die Seele

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„Moving Floor“ aus dem Jahr 2012

Frankfurt Angst und Unsicherheit: das ist der Stoff, aus dem viele Werke der koreanischen Künstlerin Jewyo Rhii gemacht sind. Schmerzliche Gefühle sind für die 1971 geborene Weltenbummlerin eine Art emotionaler Treibstoff für das künstlerische Arbeiten. Von Christina Lenz

Mit schwierigen Erfahrungen und Beziehungen kennt sich die Künstlerin aus. Jahrelang ist sie ohne festen Wohnsitz durch Asien, die USA und Europa gereist. Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt hat Rhii nun die erste institutionelle Ausstellung in Deutschland gewidmet, die bis zum 1. September in den Räumen des MMK Zollamts zu sehen ist. Der Titel der Ausstellung „Walls To Talk To“ drückt die große Bedeutung von einzelnen Räumen, Orten und ihren Geschichten im Werk der Koreanerin aus.

Nach einem jahrzehntelangen Nomadenleben bezog die Künstlerin 2009 für zwei Jahre und acht Monate einen festen Wohnsitz in ihrer Heimatstadt Seoul. Rekonstruktionen von Gegenständen aus dieser Wohnung hat die Künstlerin für ihre Arbeit „Night Studio“ angefertigt - das größte Werk in der Ausstellung. In der eigenen Wohnung habe sie oft unter Schlaflosigkeit gelitten. Die Hitze und der Lärm, der vom riesigen Wochenmarkt vor ihrer Haustür schon frühmorgens in ihr Schlafzimmer drang, belasteten sie ebenso, wie die Angst vor den nächtlichen Schreien und Überfällen vor ihrem Fenster. Viele Erfindungen und Kunstwerke, die sie im Zollamt zeigt, seien aus der Not geboren und dienten ursprünglich dazu, konkret mit den Widrigkeiten des alltäglichen Lebens fertig zu werden.

Die Schau „Jewyo Rhii. Walls To Talk To“ ist bis 1. September im MMK Zollamt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do - So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (34,80 Euro).

Eine Installation zeigt eine Schutzmauer gegen Einbrecher, die Rhii so ähnlich auf ihrem heimischen Balkon installiert hatte. Gitterstäbe, Stacheldraht und Kakteen hat die Künstlerin zu einem eher humorvollen als effektiven Verteidigungswall arrangiert. Auch mehr oder weniger funktionale Modelle von Schreibmaschinen, mit denen die Künstlerin Geschichten an ihre Zimmerwände schrieb, sind im MMK zu sehen. Ein eigenes Kühlungssystem bekämpfte die unerträgliche Hitze in der Wohnung in Seoul. Im Zollamt, das selbst keine Klimaanlage besitzt, sei die Rekonstruktion der Kühlungsanlage sogar unmittelbar praktisch, meint der Kurator Peter Gorschlüter. „Mir liegt die körperliche Erfahrung in der Kunst am Herzen“, erklärt Rhii. Für den Besucher ist dies unmittelbar spürbar, wenn er über den äußerst wackeligen Bretterboden auf Rollen läuft, der eine physische Erfahrung von Unsicherheit erzeugt, ähnlich der, die Rhii in der eigenen Wohnung empfunden haben muss.

Die Künstlerin hat ihre Ausstellung in einer mehrwöchigen Aufenthaltsphase eigenständig in den Räumen des MMK angeordnet, hat neue Objekte geschaffen und sie mit Alten kombiniert. Jedes Mal lasse sich die Künstlerin von den Eigenheiten der verschiedenen Räume inspirieren und kreiere somit immer ganz einzigartige Ausstellungen, erklärt der Kurator. Die Zerbrechlichkeit der Innenwelt steht in den Arbeiten oft gegen die harte Realität einer gefährlichen oder feindlichen Außenwelt. Der Besucher gewinnt einen einzigartigen Einblick in ein Leben, das immer wieder versucht, durch Gegenstände, Maschinen oder Bilder, sensible und geschützte Orte zu schaffen, an denen die schmerzhaften und komplexen Geschichten des Lebens erzählt werden können.

Quelle: op-online.de

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