Schwarze Kunst in der farbigsten Ausprägung

Was Johannes Gutenberg für den Buchdruck ist, das ist Alois Senefelder für den Bilderdruck. Bis zu 90 Prozent des Gedruckten entstehen im Offsetverfahren, das auf der von ihm in Offenbach zur Reife entwickelten Lithografie fußt. Von Markus Terharn

Wie andere Techniken musste es gegen Widerstände durchgesetzt werden. Eine große Rolle spielte der Leipziger Druckunternehmer Hans Garte (1882-1960): Mit dem Ziel, eine Geschichte des Offsetdrucks zu schreiben, trug er an die 10.000 Blatt Druckmuster zusammen. Eine Auswahl von 300 Stück ist derzeit im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte zu sehen. Titel: „Pionier des Offsetdrucks – Die Sammlung Garte“.

Die einzigartige Sammlung gehört der Internationalen Senefelder-Stiftung mit Sitz in Offenbach, die sie vom dortigen Druckmaschinenhersteller Roland (heute manroland) übernommen hat. Für das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen (Saarland) hat dessen Leiter Roger Münch eine Auswahl getroffen, die jetzt den Bernardbau ziert.

Der Druck wirbt für sich.

Texttafeln erläutern etwa Hoch-, Tief-, Sieb-, Flach- und Steindruck, Chromolithografie, Blech- und Lichtdruck. Prospekte und Plakate dokumentieren, wie Drucker für ihre Produkte die Werbetrommel rührten. Zugleich veranschaulichen sie die Verbreitung des Offsetdrucks an Beispielen aus Italien, Spanien, den Niederlanden, den USA oder dem asiatisch-australischen Raum. Der vielfach reproduzierte Charakterkopf Senefelders (1771-1834) verdeutlicht die Wertschätzung, die diesem genialen Erfinder entgegengebracht wurde.

Größeren Schauwert besitzen die Anwendungsbeispiele der „Schwarzen Kunst“, die hier eine äußerst farbige ist. Meist handelt es sich um Akzidenz-, also Gelegenheitsdruck, dank Gartes Sammlerfleiß in erstaunlicher Vielfalt und Fülle auf die Nachwelt gekommen. Profidrucker, am Traditionsstandort Offenbach zahlreich vertreten, mögen sich den Fadenzähler vor das geistige Auge klemmen; der Laie staunt schlicht über die Ergebnisse.

Schokoladenliebhabern lacht der Sarotti-Mohr oder die lila Suchard-Kuh an

Blickfang sind Stellwände, an denen die Macher ihren Hang zur Rubrizierung ausgelebt haben. Als „Venus“ räkelt sich auf einem Kalender für 1951 ein „Esquire Girl“ mit wallendem Blondhaar und wogendem Busen. Besucherinnen kommen mit der breiten Brust eines Rettungsschwimmers auf ihre Kosten. Kinder erfreuen sich an Abbildungen von Automodellen (Jungen) und Modellkleidern (Mädchen). Schokoladenliebhabern lacht der Sarotti-Mohr oder die lila Suchard-Kuh. Raucher ergötzen sich am blauen Dunst von exotischen Marken wie „Stella Brasilia“. Ein Stillleben mit Braten, Gemüse und Kuchen lässt die späteren Fortschritte in der Food-Fotografie erkennen.

Architektonisch wetteifert ein New Yorker Backsteinhochhaus mit Frankfurts Römer. Das Fernweh stillt eine Ansicht des österreichischen Kleinwalsertals mit Weidegrün vor Hochgebirge. Dem Nahweh wirkt ein Offenbacher Mainpanorama mit Isenburger Schloss entgegen.

Pionier des Offsetdrucks – Die Sammlung Garte“ bis 28. November im Haus der Stadtgeschichte Offenbach, Herrnstraße 61.

Geöffnet Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr

Ansichtskarten prunken mit schwarz-weißem, noch unzerstörtem Dresden oder kolorierten Thüringer Trachten. „Fromms beliebter Gummisauger“ prangt auf einem Aufkleber. Die Briefköpfe des Papierfertigungswerks Emil Schlutius schinden Eindruck. Wilhelm II. rät mit Es-ist-erreicht-Bart per Etikett zu „Kaiser-Punsch-Essenz“. Verpackungen verraten, dass sie norwegischen Fisch oder Tilsiter Käse enthalten. Spielkarten laden zum Skatdreschen, Westernzeitschriften locken Leser. Und das Eisblau der Kühlschrank-Reklame schreit nach innerer Erwärmung mittels der gegenüber abgebildeten Alkoholflaschenbatterie.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Georg

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