Sein oder Haben ist die Frage

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Intendant Oliver Reese zeigt an, wo es langgeht.

„Wir sind schon gut genug!“ – diesen Titel als Spielzeitmotto zu wählen, das fände Oliver Reese denn doch verfehlt. „Wir können noch besser werden“, glaubt der Intendant des Schauspiels Frankfurt, der seiner fulminanten ersten Saison eine nicht minder erfolgreiche zweite hat folgen lassen. Von Markus Terharn

Gestern stellte der 46-Jährige das Programm für seine dritte Spielzeit vor. Die bietet 30 Premieren, davon zwölf Uraufführungen, sowie 35 Wiederaufnahmen und hat erstmals ein Motto: „Sein oder Haben.“

Das lässt an Hamlets „Sein oder Nichtsein“ denken. In der Tat steht William Shakespeares Tragödie auf dem Plan, eigens neu übersetzt von Roland Schimmelpfennig und inszeniert vom Hausherrn. Auf den grübelnden Dänenprinzen hat Heiner Müller mit „Die Hamletmaschine“ geantwortet, bei der Regisseur Dimiter Gotscheff selbst mitwirkt. Eher ums Haben geht es in „Der Kaufmann von Venedig“ in der Regie des bekannten Opernfachmanns Barrie Kosky, was den Shakespeare-Block abrundet.

Dürrenmatts „Physiker“ durch Atomkatastrophe unverhofft aktuell

Weltliteratur ist Trumpf. Von Friedrich Schiller kommen „Die Räuber“ auf die Bühne, Regie führt mit Enrico Lübbe ebenfalls ein Stürmer und Dränger. Henrik Ibsens „Wildente“ soll die junge Karin Henkel Flügel verleihen. Oscar Wildes monströse „Salomé“ stemmt Günter Krämer auf die Bretter. Mit Franz Molnárs „Liliom“ gibt Christoph Mehler seinen Einstand als Hausregisseur. Seine Kollegin Bettina Bruinier zieht einen Querschnitt aus Elfriede Jelineks 150-seitiger „Winterreise“. Gastregisseur Michael Thalheimer wartet mit der „Medea“ des Euripides auf. Friedrich Dürrenmatts „Physiker“, durch die Atomkatastrophe in Japan zu unverhoffter Aktualität gelangt, klopft Markus Bothe auf bleibenden Gehalt ab.

Und wo es keinen Theatertext gibt, macht man sich einen. „Bei Stoffen bedient“, wie Reese das nennt, hat sich die Dramaturgie großzügig, in Romanen und Novellen. Wichtig ist ihm, dass das Ergebnis „durch und durch Theater ist“ und „kein beleuchtetes Reclamheft“.

„Die dritte Generation“setzt sich mit Terror der RAF auseinander

So sind Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ als Monolog eines Schauspielers durch Katrin Lindners Regiebrille zu erleben. „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald erfährt die Uraufführung von Marcel Luxingers Fassung in Bettina Bruiniers Regie. Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ erweckt Bastian Kraft zum Leben. Lothar Kittstein verarbeitet die Schiller-„Bürgschaft“, Lily Sykes führt Regie. William Goldings „Herr der Fliegen“ leitet Martina Droste am Jungen Schauspiel. Choderlos de Laclos’ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“, von Christopher Hampton adaptiert und von Robert Schuster inszeniert, war schon Filmstoff. Beim Kino bedient sich auch Jorinde Dröse mit „Der blaue Engel“; in Rainer Werner Fassbinders „Die dritte Generation“ setzt sich Alice Buddenberg mit dem Terror der RAF auseinander.

Eröffnet wird die Saison am 25. August im Bockenheimer Depot mit einer Arbeit des Tüftlers Bernhard Mikeska, „Je t’aime :: Je t’aime“, einer Uraufführung. Dennis Kelly und Hausautor Nis-Momme Stockmann schreiben neue Stücke für Frankfurt, die Christoph Mehler im Großen Haus und Martin Schulze in den Kammerspielen interpretieren. Eine Uraufführung ist auch „Wir sind schon gut genug!“ – Autor René Pollesch inszeniert selbst. Eine deutsche Erstaufführung ist das „Liebesspiel“ des Schweden Lars Norén, mit dem sich Alexander Frank befasst.

Philipp Preuss startet Andy-Warhol-Projekt

Gern schlägt Reese Brücken zur bildenden Kunst. So bringt er „Bacon Talks“ nach Gesprächen des Malers Francis Bacon mit dem Kritiker David Sylvester ins Städel, das ein Werk des Briten besitzt. Philipp Preuss startet ein Andy-Warhol-Projekt, parallel zu einer Ausstellung im Museum für Moderne Kunst.

Spannung in der Box verheißt „Reise!Reiser!“ von Sébastien Jacobi, der Karl Philipp Moritz’ Roman „Anton Reiser“ mit Liedern von Rio Reiser verbindet. Und obwohl das Ensemble der Star ist, erhöht sich der Promifaktor: TV-Moderator Michel Friedman erhält eine Gesprächsreihe zu Fragen der Ethik. Erster Gast ist Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen im Bundestag.

Erfreuliche Zahlen verkündete Reese: Bis Ende März strömten 118.000 Besucher, erreichte die Auslastung 78,8 Prozent. Die Rekordeinnahme der Vorsaison ist in Sichtweite. Im Vergleich dazu ist die Abonnentenzahl um 32 Prozent gestiegen.

Quelle: op-online.de

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