An der Seite des Genies

Frankfurt - „Krieg und Frieden“, Titel eines seiner beiden größten Romane, hätte auch über Lew Tolstois Ehe stehen können. Dass der andere, „Anna Karenina“, von einer glücklichen und einer unglücklichen Familie erzählt, mag man ebenso bezeichnend finden. Von Markus Terharn

Höhen und Tiefen der 48 Jahre, die der Autor mit Sofja Tolstaja verheiratet war, spiegelt ihr Briefwechsel, 2010 zum 100. Todestag auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen und jetzt im Literaturhaus Frankfurt vorgestellt. ".

Zwei prominente Schauspieler verpflichtete Hausherr Hauke Hückstädt, die dem Paar ihre starken Stimmen liehen: Burghart Klaußner, als Lew zu theatralischer Gestik neigend, und Hansi Jochmann, als Sofja ruhiger Gegenpart. Von den Seiten streuten die Herausgeberinnen Natalja Sharandak und Ursula Keller die nötigsten biografischen Daten ein.

Was mit schriftlichem Heiratsantrag des Dichters gut begann, fand mit der Arbeit an seinen Hauptwerken einen glücklichen Fortgang. Indem Sofja ihre eigenen literarischen Versuche einstellte, seine fast unleserliche Sauklaue ins Reine übertrug und sogar kluge Verbesserungsvorschläge einbrachte (die er lobte und nicht berücksichtigte), wurde sie zur wichtigen Mitstreiterin.

Die gelesenen Auszüge machten deutlich, dass ein Dasein an der Seite dieses Genies nicht einfach war. Während der Graf gern fern von daheim den Bauern und Jäger gab, durfte sich die Gattin auf dem heimischen Gut Jasnaja Poljana den 13 Kindern widmen. Und wenn er wenig galant schrieb, ihr Porträt erinnere ihn an eine Märtyrerin, registrierte sie verzückt „so viel Liebe“!

So viel Komik war selten an diesem Abend. Aber er zeigte, wie Lews späte Hinwendung zum einfachen Leben und zum Gutmenschentum in die Entfremdung von Sofja münden musste. Seine Flucht aus der ihm unerträglich gewordenen Beziehung, sein Tod auf dem Provinzbahnhof Astapowo bildete indes nicht den Abschluss. Wie eine Rückblende ließ Jochmann jene flehentlichen Zeilen folgen, die seine Frau ihm in seinen letzten Tagen nachsandte. Es war eben doch eine wahre Liebesgeschichte. Und es wurde nochmal komisch – als Klaußner, kurz aus dem Konzept gekommen, murmelte: „Ach, ich bin ja schon tot...“

Quelle: op-online.de

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