Der sensible Drachentöter

Der kanadische Tenor Lance Ryan hat schon eine Menge Siegfried-Kostüme getragen. Foto: Georg

Frankfurt - Ein Kleiderschrank würde kaum ausreichen für all die Siegfried-Kostüme, die Lance Ryan schon getragen hat. Von Klaus Ackermann

Der kanadische Heldentenor, hoch geschätzt an den großen Opernhäusern zwischen New York und Bayreuth singt nun auch in an der Oper Frankfurt seine Lieblingspartie. In der viel gelobten „Ring“-Inszenierung von Vera Nemirova, die jetzt am „Zweiten Tag des Bühnenfestspiels“ angekommen ist. Mit Generalmusikdirektor Sebastian Weigle dirigiert ein weiterer Wagner-Spezialist das Opern- und Museumsorchester. Premiere ist am kommenden Sonntag um 17 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz.

Vom Straßenanzug bis zur schweren Ritter-Rüstung – als Siegfried hat der weltweit gefragte Tenor schon so allerhand erlebt. Und ist froh, dass er auf Frankfurts Opernbühne auch als solcher erkennbar ist. Dieser Siegfried sei zwar auch ein jugendlicher „Haudrauf“, den nichts auf der Welt erschrecken könne, doch Nemirova zeige mit viel psychologischem Gespür auch einen nachdenklichen Drachentöter, sagt Ryan. Er sei sehr viel menschlicher als sonst, ein Held, aber auch ein empfindsamer junger Mann, der seine Herkunft hinterfrage. Bei seiner großen Erfahrung mit dieser Rolle ist der Sänger und Darsteller froh, mal etwas Neues wagen zu können. Und er weiß natürlich genau, was auf der Opernbühne funktioniert und was nicht.

Eine Herausforderung an die Stimme sei diese Partie auch wegen ihrer Länge, Siegfried ist in jedem Akt präsent, muss bei Wagners knappem Bühnenpersonal über Stunden hinweg voll konzentriert sein – und auf verschiedene Art singen. Nahezu poesievoll von innen heraus, heldenhaft in gleichbleibender Höhe und im 3. Akt sogar in (tiefer) Bariton-Lage. Gerade das langwierige finale Duett mit Brünnhilde (Sandra Bullock) und sein an Puccini erinnerndes unendliches Melos habe es in sich. „Da muss man immer noch einen Gang zuschalten können, um die klangliche Balance mit dem Orchester zu halten“, sinniert der Wagner-Tenor, der die lyrischen Momente seines Parts nutzt, um die Stimme elastisch zu halten. „Das ist wie Yoga für meinen Tenor“, so Lance Ryan.

In Bayreuth hat der Heldentenor „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ unter der musikalischen Regie von Christian Thielemann gesungen. An Sebastian Weigle schätzt er, „dass der ebenfalls weiß, was er will“ und dies auch durchsetzt. Das sei ein ständiges Geben und Nehmen, „und am Ende hat man das Gefühl, so muss es sein“.

Die Stimme habe er von seiner Mutter, das gute Gehör von seinem Vater geerbt, sagt der jedem Star-Rummel abholde Weltstar, der mit zwölf Jahren klassische Gitarre lernte und vor dem Gesangsstudium in der alten Heimat erst mal den Bachelor-Abschluss in Musikgeschichte machte. Weil nun einmal Europa das gelobte Land der Opernkunst ist, zog es ihn nach Italien, zu Studien beim legendären Carlo Bergonzi, der Ryans Stimme trotz erhabener Spitzentöne eher im deutschen Fach als bei Verdi und Puccini sah.

Fortan war Karlsruhe sein neuer Lebensmittelpunkt, und die großen Wagner-Partien ließen nicht lang auf sich warten. Doch angelegentlich lockt Ryan neben Richard Strauss die italienische Oper. „Das hilft, meine Stimme jung zu erhalten“, sagt der Tenor, mit einer Italienerin verheiratet, die in Stuttgart Ernährungswissenschaften studiert. Gesundes Essen und viel Ruhe ist dann auch das einfache Rezept des kaum zu erschütternden Kanadiers vor den großen Tenor-Partien. Alles andere sei Superstition - Aberglaube!

Quelle: op-online.de

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