Als Service noch zählte

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Nicht nur die Maschine, auch der Fahrer sollte sich beim Agip-Tankstopp erholen.

Frankfurt - Fabelhaft modern wirkte das, was in Italien ab 1953 als „Kiosk mit Tankstelle“ mitten in der Stadt stand oder als Service-Anlage an der „Autostrada del Sole“. Jetzt findet man sie wieder, die Tankstellen des italienischen Wirtschaftswunders, abgelichtet in 80 Schwarz-Weiß-Fotos, Skizzen, Zeichnungen und „Agip“-Autoatlanten aus den 50ern im Deutschen Architektur-Museum Frankfurt. Von Reinhold Gries

Über betongegossenen, elegant geschwungenen „fliegenden Dächern“ mit gebogenen Abschlusskanten schwebt das schwarze Tank-Fabelwesen mit sechs Beinen auf gelbem Grund. Halb Drachen, halb Hund, rote Flammen speiend. Ab 1960 zog es auch Blicke deutscher Kinder und Erwachsenen auf sich, soweit sie das „Agip“-Logo nicht aus dem Italienurlaub kannten.

„Supercortemaggiore“ stand darunter. Das wirkte geheimnisvoll und sollte vortäuschen, der wertvolle Kraftstoff käme aus dem italienischen Erdöl-Fundort in der Poebene – der in Wirklichkeit nur dürftig sprudelte. Zum Ausgleich für diese Importware gab es in der Tankstelle schicken Service mit adrett gekleideten Tankwarten und Tankwartinnen, dazu oft eine kleine Bar oder ein Ristorante, „Tabacchi“ und „Telefono“. Eine Wunderwelt des Fortschritts, Familien mit fabrikneuem „Cinquecento“ zu Sonntagsausflügen zur Tankstelle motivierend. Vergessen waren Schmuddel image, ölverschmierte Zapfstellen und beschmutzte Kfz-Schlosser: Das Wirtschaftswunder Marke „Bella Italia“ hatte passenden Ausdruck gefunden.

Idee der Verbreitung standardisierter Tankstellen

Danach hatte es 1946 nicht ausgesehen, als der 1926 gegründete staatliche Energiekonzern AGIP (Azienda Generale Italiana Petroli) vor der Pleite stand. Doch Enrico Mattei, mit der Liquidation beauftragt, hatte anderes im Sinn, zumal er neue Ölquellen sprudeln sah. Neben Kooperationen mit Ägyptens Staatsführer Nasser und Marokkos König Mohammed V. entwickelte er innovative Marketingideen. 1952 veranstaltete er den Wettbewerb für ein einheitliches Logo – und ergänzte den neu erfundenen Agip-Hund um weitere zwei Beine, angeblich um vier Autoräder mit zwei Fahrerbeinen zu vereinen.

Das Feuer speiende Wesen war so erfolgreich, dass es vom Mutterkonzern Eni 1953 mit übernommen wurde. Neben gekonntem „Supercortemaggiore“- Bluff versammelte Mattei findige Berater um sich, um dem nachfaschistischen Energiekonzern ein neues Image zu geben.

„Agip – Die Tankstelle des Wirtschaftswunders“ bis 14. März im Deutschen Architektur-Museum Frankfurt. Geöffnet: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

Für seine Idee systematischer Verbreitung standardisierter Tankstellen fand er im Mailänder Mario Bacciocchi den idealen Architekten. Bacciocchi setzte in seinen 13 Tankstellentypen – das zeigen seine Farbskizzen im DAM – auf Wiedererkennungswert und heiter-optimistische Atmosphäre. Seine Benzin-Oasen sollten innerstädtisches Verkehrschaos vergessen machen. Fahrer und Mitfahrer sollten sich im automobilen Treffpunkt wohlfühlen; nicht nur in der Stadt, auch auf dem rückständigen Land oder in nordafrikanischer Wüste. Tankwarte erhielten dazu nach US-Vorbildern als „Botschafter ihres Konzerns“ eine Ausbildung.

Beim Betrachten der Tankstellenrelikte packt manchen die blanke Sehnsucht, trotz angeblicher „Renaissance der Tankwarte“ in hiesiger Servicewüste. Viel „SB“ auch im Tankstellen-Shop, den es dank visionärer Strategen wie Mattei überhaupt gibt.

Quelle: op-online.de

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