Sicht aufs Gesicht

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Plakat zu „Don Giovanni“ (1997)

Offenbach - Er ist ein Menschenfänger. Mit einem Spürsinn, der seinesgleichen sucht. Günther Kiesers Köpfe zeigen, was einen Menschen ausmacht – ob Jazzmusiker, Opernfigur oder Mann von nebenan. Von Veronika Szeherova

Seine Plakate haben Geschichte geschrieben und den ehemaligen Studenten der Offenbacher Werkkunstschule, heute Hochschule für Gestaltung, weltberühmt gemacht.

Das Klingspormuseum in Offenbach zeigt ab heute die Ausstellung „überhaupt“ – einen Querschnitt der Werke des mittlerweile 80-Jährigen. Die Wände schmücken unvergessene Plakate: In den 70er und 80er Jahren gestaltete er die Poster für die führenden deutschen Jazz-Festivals in Berlin und Frankfurt. Auch Plakaten für Opern und Rockkonzerte gab er im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht. Eins der berühmtesten ist die Darstellung von Jimi Hendrix, dem Elektrokabel aus dem Kopf ragen. Darauf möchte der Künstler nicht mehr angesprochen werden. Er winkt charmant lächelnd ab: „Immer wird dieses eine Plakat hervorgehoben. Dabei habe ich noch so viele andere Dinge gemacht.“

Köpfe für das Straßenbild: Günther Kieser vor seinen Plakaten für „Carmen“ und „La Bohème“

Stimmt. Denn wer Kieser bisher als reinen Plakatkünstler kannte, den belehrt diese Ausstellung eines besseren. Hervorzuheben ist das Ensemble von 18 Kopfplastiken. Jede für sich versinnbildlicht eine eigene Geschichte – eines Verrückten, eines Glücklichen, eines Gourmets oder eines Sammlers. Zusammen betrachtet dokumentieren sie die einzelnen Stationen eines ganzen Lebens. Kieser nennt es „das Überhaupt des Herrn K.“.

Wer Herr K. ist, bleibt das Geheimnis des Künstlers. Ist es eine Identifikations- oder eine Spielfigur? Er hält sich bedeckt, verweist aber gleichzeitig auf Kafka. Eigens für die Ausstellung in Offenbach hat Kieser erstmals zu jedem dieser Köpfe kurze interpretierende Verse geschrieben. „Sie sollen eine kleine Enträtselung der visuellen Erscheinung sein“, verrät er. „Aber jeder sollte sich zuerst die Köpfe anschauen und eine eigene Interpretation versuchen, bevor er die Texte dazu liest.“

Sowohl bei den Bronzeplastiken als auch bei den Plakaten bedient sich der Künstler desselben Mittels: Hinzufügen, Ergänzen, Ersetzen von Elementen am Kopf. So trifft er eine Aussage über einen Menschen, schafft ein neues Abbild, eine neue Sicht mit geradezu schreiender Expressivität.

Günther Kieser, „überhaupt“, bis 29. August im Klingspormuseum, Herrnstraße 80, Offenbach. Geöffnet Dienstag, Donnerstag, Freitag 10-17, Mittwoch 14-19, Samstag/Sonntag 11-16 Uhr.

Während Herr K. immer auf die gleiche, leicht süffisante Weise lächelt, fällt bei Kiesers Plakaten die Ernsthaftigkeit der gezeigten Gesichter auf. „Meine Plakate sind sehr ernster Natur, das liegt an ihrem Hintergrund“, erklärt der Künstler. Sehr stark setzte er sich ein für schwarze Jazzer. Kieser: „Als die Plakate entstanden, gab es für diese Leute wenig zu lachen. In Amerika hatten sie es schwer, und in Deutschland erst recht.“ Der Grafikdesigner stellte sie so dar, wie er sie sah. „Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass ich immer autark war“, betont der 80-Jährige. „Nie habe ich mir von anderen reinreden lassen, was ich wie zu machen habe.“ Obwohl ihn das so manchen Auftrag gekostet habe.

Quelle: op-online.de

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