Sieben Sekunden nackt

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Plakate zum Film „Rummelplatz der Liebe“ („Und immer lockt die Sünde“), einmal von 1954, einmal in der zensierten Fassung von 1961.

Wiesbaden - Kirchenvertreter warfen Stinkbomben, Tugendwächter ereiferten sich: Der Film „Die Sünderin“ war Anfang der 50er Jahre ein Skandal. Sieben Sekunden lang war Hildegard Knef nackt zu sehen, es ging um Prostitution und Selbstmord. Von Friedemann Kohler

Das Publikum ließ sich nicht abhalten: Es strömte in die Lichtspieltheater. Offenbar war im Nachkriegsdeutschland nicht nur Heimatfilm gefragt, sondern auch Sex.

„Die erotischen 50er“ hat das Deutsche Filmhaus in Wiesbaden eine Filmreihe und eine Plakatausstellung getauft, die bis 31. Oktober läuft. Die Organisatoren versuchen eine Ehrenrettung des als spießig verrufenen Jahrzehnts. Zwar spielte Erotik in Adenauer-Zeiten keine öffentliche Rolle, räumt Ernst Szebedits, Vorstand der Murnau-Stiftung, ein. Aber: „Im Kino fand sie statt.“

Deutschland war 1945 ein Land mit Frauenüberschuss. Frauen wuchsen in neue Aufgaben hinein, die Männer kehrten versehrt aus dem Krieg zurück. Was war das Wichtigste für sie? Die Moral der Frauen zu bewachen; so deutet Szebedits die Situation. Kritiker ereiferten sich über die „Sünderin“: Man sei nicht gewillt, „derartige Machwerke weiterhin widerspruchslos hinzunehmen“.

Schlachtfeld zwischen Filmindustrie und Zensoren

Doch an den Kinokassen verkaufte sich eine Prise Erotik gut. Wer galt denn als Sexsymbol im deutschen Film der 50er Jahre? Bei den Frauen fallen Szebedits die Knef, Eva Bartok oder Sonja Ziemann ein („die Doris Day des deutschen Films“). Bei den Herren waren es der „normannische Kleiderschrank“ Curd Jürgens, der junge Horst Buchholz, O.W. Fischer.

Unverhohlen warben Kinobetreiber auf Plakaten mit weiblichen Reizen. Im neorealistischen Klassiker „Bitterer Reis“ (Italien 1949) glänzte Silvana Magnano nicht nur auf der Leinwand, auch auf den Werbeplakaten war ihr Busen der Hingucker. Nicht immer hielten die Filme, was die Werbung versprach. Auf dem Plakat von „Das Bad auf der Tenne“ (1955) zeigte Ziemann Bein – es ist eine biedere Kostümkomödie.

Nacktheit war ständiges Schlachtfeld zwischen Filmindustrie und Zensoren. Es half nichts, dass auf einem Foto der jungen Brigitte Bardot ein Teil des Dekolletés wegretuschiert werden sollte: Die Freiwillige Selbstkontrolle blieb beim Nein.

„Das Mädchen Rosemarie“

„Rummelplatz der Liebe“ wurde 1954 mit einer nackten Rückenansicht von Curd Jürgens beworben. Er hielt die knapp bekleidete Bartok im Arm. 1961 kam der Film erneut in die Kinos unter dem noch anzüglicheren Titel „Und immer lockt die Sünde“. Doch das Plakat wurde als zu aufreizend empfunden. Kinobesitzer mussten Jürgens ein Unterhemd auf den Rücken kleben.

„Die erotischen 50er“ im Deutschen Filmhaus, Murnaustraße 6, Wiesbaden. Geöffnet eine Stunde vor Kinovorstellungen: Mittwoch 14.30 bis 20, Freitag 17 bis 20 Uhr

Den Schlusspunkt der Filmreihe setzt „Das Mädchen Rosemarie“ von 1958 über die ermordete Frankfurter Edelprostituierte Nitribitt. In dieser Moritat konnte sich die Bundesrepublik mit ihrer Doppelmoral selbst auf den Arm nehmen.

Es folgten die Jahre des neuen deutschen Films, der politisch und nicht mehr erotisch war. Heute werden Filme nicht mehr mit Plakaten beworben, sondern mit Trailern im Kino und im Internet. Weibliche Kurven seien politisch unkorrekt, meint Szebedits: „Viele Verleiher hätten heute große Probleme, solche Plakate aufzuhängen!“

dpa

Quelle: op-online.de

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