Absturz einer Familie

Unmittelbarer Erzähler: Isaak Dentlers Monolog hält den Zuschauer gefangen.

Er redet. Erzählt sein Leben, wie ein mitteilungsbedürftiger Mensch, den man gerade in der Kneipe kennen gelernt hat. Ein ganz normales Leben ist das. Dem Anschein nach. Mit Frau und Kind. Mit Ferienaufenthalten im Haus des Schwiegervaters in Südfrankreich. Dann aber kommt diese unheilvolle Szene. Von Stefan Michalzik

Es ist ein sympathischer, unkompliziert wirkender Typ, der in der Box des Frankfurter Schauspiels zum Publikum spricht. Dabei handelt es sich um die deutschsprachige Erstaufführung des Monologs „Steilwand“ von Simon Stephens.

Vollbart, strähniges Haar, aber nicht ungepflegt: Der Mann, gespielt von Isaak Dentler, würde als Besucher bei einem Indiepopkonzert für durchaus typisch gelten. Er kündet von nichts weniger als der Zerstörung seiner Familie. Seine Tochter ist bei einem Unfall im Badeurlaub umgekommen. Er musste vom Meer aus zusehen, wie sie auf einer Klippe aus dem Gleichgewicht geraten und abgestürzt ist.

Der produktive, auch auf hiesigen Bühnen viel gespielte Brite Simon Stephens, der 2008 aus der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ als Dramatiker des Jahres hervorgegangen ist, teilt mit Sarah Kane das Geburtsjahr 1971. Kanes Stücke waren in so bedrängender Weise aus den Innern eines unbezwingbaren Leidens am Leben geschrieben, dass der Suizid der Dramatikerin gleichsam folgerichtig erschien.

Der Blick des sich als glücklicher Familienvater darstellenden Simon Stephens indes ist ein analytisch kühler. Modellhaft tritt in „Steilwand“ ein Ereignis ein, das die blitzsaubere Fassade eines offensichtlich glückhaften Daseins jäh einstürzen lässt.

Was sich dahinter abgrundhaft auftut, ist die Unergründlichkeit der letzten Fragen. Die Dialoge mit dem Schwiegervater, einst Kämpfer in der britischen Armee, danach Mathematiklehrer und schließlich Sporttaucher, drehen sich um die Unmöglichkeit des Gottesbeweises.

Weitere Aufführungen am 13. und 14. Januar sowie am 2.,14. und 26. Februar

Der von Barbara Christ in ein mätzchenfrei heutiges Alltagsdeutsch übertragene Monolog ist straff gebaut, mit einem äußersten Maß an dramaturgischer Stringenz. Bühnenbildnerin Olga Ventosa Quintana, Teil eines mit vier jungen Frauen besetzten Regie-Teams, hat einen beidseits von Zuschauerreihen gesäumten Streifen mit Strandkieseln als dezenten Ort der Erinnerung geschaffen. Unter der Regiehand von Lily Sykes treibt Isaak Dentler die Unmittelbarkeit des Erzählens bis zur direkten Ansprache samt Eingehen auf Reaktionen. Das bleibt glücklicherweise unaufdringlich.

Im Werk von Stephens ist „Steilwand“ als – gelungene – Nebenarbeit einzuordnen.

Quelle: op-online.de

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