Sinn und Sinnlichkeit

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Frankfurter Liebieghaus präsentiert Jean-Antoine Houdons Skulpturenkunst.

Frankfurt - Kritische Köpfe wie Diderot und Voltaire bewunderten den französischen Bildhauer Jean-Antoine Houdon (1741-1828). Zarin Katharina II. von Russland tat alles, um eine Voltaire-Büste von Houdon zu besitzen. Neben dem französischen Hochadel saßen dem Porträtisten auch Komponist Christoph Willibald Gluck, Erfinder Robert Fulton und Staatsmann Benjamin Franklin Modell. Von Reinhold Gries

Obwohl große Geister in seinem Louvre-Atelier ein- und ausgingen, blieb der Hausmeistersohn aus Versaille bescheiden: „Ich kann sagen, dass es nur zwei Dinge gibt, mit denen ich mich mein ganzes Leben beschäftigt habe: mit Anatomie und dem Guss von Statuen.

Eine glatte Untertreibung, wenn man sich die Skulpturen des in Paris und Rom ausgebildeten Neuerers in der zum 100. Museumsjubiläum umgerüsteten Villa anschaut. Sie vereinen aufklärerischen Scharfblick mit Feingefühl, Lebenserfahrung mit Wahrheitsliebe; dazu kommt Rückbesinnung auf antike Ideale.

Leihgaben des Louvre und des Metropolitan Museums New York sowie selten gezeigte Exponate aus Montpellier, Cambridge und Potsdam öffnen den Blick für aufgeklärte Salonkultur des ausgehenden 18. Jahrhunderts, geprägt von neuer Empfindsamkeit, galantem Stil und Natürlichkeit. Das zeigen auch Jahreszeiten-Radierungen nach Antoine Watteau, Jean-Baptiste Greuzes Ölgemälde „Das junge Mädchen, das seinen toten Vogel beweint“ oder Augustin Pajous Bronze.

Urbild einer mädchenhaft-schönen Frau in Bronze und Marmor

Seinerzeit umstritten war Houdons anmutige, freizügig-fröstelnde „Frileuse“ mit dem melancholischen Blick, als Allegorie des Winters 1783 mit knappem Tuch um Kopf und Oberkörper mehr ent- als verhüllt. Das sinnliche Urbild einer mädchenhaft-schönen Frau ist als Bronze- und Marmorversion nach Frankfurt gekommen, um durch Nähe zwischen Verführung und Unschuld sowie Eros und Tod zu verunsichern. Als Pendant steht Houdons Allegorie „Der Sommer“ in Gestalt eines aufblühenden Mädchens im Atrium der Villa.

Dagegen setzte der Meister schöne antike Form und weibliche Anmut wie bei der „Diana“-Bronze und dem verträumten Marmor-„Bauernmädchen aus Frascati“. Die damals beispiellose Darstellung von Houdons 15-monatiger Tochter Anne-Ange steht für kindliche Eigenwelt. Noch mutiger der kahlköpfige „Voltaire ohne Perücke“ (1778), zu dem der scharfsinnige Philosoph noch im letzten Lebensjahr Modell saß. Zeitgenossen schwärmten: „Man glaubt, Monsieur de Voltaire leibhaftig zu sehen und mit ihm sprechen zu können.“

Napoleon-Büste von 1806 wirkt klassisch geschönt

Sprechend auch Houdons Terrakotta „Sitzender Voltaire“, zwar mit Perücke ausgestattet, aber in treffender Charakterisierung ein seinerzeit umstrittenes Sinnbild des Alters. Die Napoleon-Büste von 1806 mitsamt antikem Haarband und bloßem Oberkörper wirkt dagegen klassisch geschönt, während das Fulton-Bildnis mit energiegeladener Ausstrahlung fast ein Mann von heute sein könnte.

„Jean-Antoine Houdon: Die sinnliche Skulptur“ bis 28. Februar 2010 im Liebieghaus, Schaumainkai 71. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag bis 21 Uhr.

Auf der Höhe der Wissenschaft zeigt sich der „Muskelmann“, zuerst als vorbereitende Studie gedacht, dann als Vorbild für Anatomen genutzt. Der Zeit voraus war auch Houdons unruhige Oberflächenbearbeitung. Noch á la francaise, aber mit tastbaren Textilwirkungen ist die Gipsbüste des Finanzministers Turgot geformt, eher kantig deutsch dagegen die Gluck-Büste. Sonst wirft sie in Weimars Anna-Amalia-Bibliothek einen Blick in die Moderne.

Quelle: op-online.de

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