Ausstellung in der Schirn Kunsthalle

Sinnenfrohes Kunstabenteuer

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Frankfurt - Die Ausstellung „Brasiliana“ in der Schirn Kunsthalle zeigt Installationen von 1960 bis heute. Von Christina Lenz

Die acht Installationen brasilianischer Künstler, die nun in der Schirn Kunsthalle zu sehen sind, kitzeln die Sinne: ein knarrender Holzboden, der Duft von Kurkuma und Kreuzkümmel, schillernde Perlen, leuchtendes Orange. Wer will, kann auch zur Musik von Jimi Hendrix in der Hängematte schaukeln. Diese Kunst ruft den Körper auf den Plan.

Wer noch einmal geboren werden will, muss Schlange stehen. Immer nur ein Besucher kann sich durch die dunklen, weichen Räume und Gänge tasten. Sanft stößt der noch Ungeborene gegen Stoff und Wolle. Dann fliegen weiße Luftballons auf, der Boden gibt nach, plötzlich erscheint die eigene Gestalt in einem Zerrspiegel. Die Installation der bereits 1988 verstorbenen Künstlerin Lygia Clark imitiert den Weg, den jeder von uns einmal genommen hat: mitten durch den Geburtskanal. Die Augen bekommen dabei nicht viel zu sehen, der Körper aber umso mehr zu fühlen. Er eilt dem Denken voraus. So muss es gewesen sein am Anfang: pure Sinnlichkeit. In der Ausstellung „Brasiliana – Installationen von 1960 bis heute“ kommt die Kraft des Körpers und der Sinne geballt zurück und berührt den Besucher direkt an seinen Nervenenden.

Es waren Künstler wie Lygia Clark oder Hélio Oiticica, die in den 50er und 60er Jahren einen brasilianischen Neokonkretismus belebten, der keine Kunst für die kleine Elite mehr sein wollte. Alltägliche Gefühle und Erlebnisse sollten stattdessen im Mittelpunkt stehen. Noch heute folgen jüngere brasilianische Künstler den Pionieren begeistert nach. Raumgreifende Installationen eignen sich dabei heute wie damals am Besten für das sinnenfrohe Kunstabenteuer.

Die Installation von Maria Nepomuceno zeigt in den Worten der Kuratorin . Martina Weinhart „eine Natur, wie sie uns auf dem Mars begegnen könnte“. Der von ihr gestaltete Raum erstrahlt in einem Orange, das in seiner Dominanz tatsächlich außerirdisch wirkt. Die vielen glitzernden Plastikperlen, surrealen Keramikskulpturen, Kunstrasen, Stroh und Seile bilden eine Welt voll von intensiven Farben und Formen, in der sich alles wie in der Natur verändert, nichts jedoch vertraut erscheint. Die Videokünstler Mauricio Dias und Walter Riedweg bringen das Körperliche konzeptueller ins Spiel: Sie haben ein Schachbrett aus 550 Waagen gebaut, auf denen der Besucher tanzen darf. Auf einer Leinwand an der Wand laufen die Bilder einer skurrilen Tanzparty aus einer brasilianischen Favela.

Die Leinwand gegenüber zeigt einen geschminkten und mit Schmuck behängten Transvestiten, der aus der brasilianischen Verfassung vorliest. Sinnlichkeit heißt in der Ausstellung immer wieder, das bekannte Terrain zu verlassen und sich auf abenteuerliche Wege zu begeben. Cildo Mereiles hat an den größten Flüssen Brasiliens die Akustik des Wassers erkundet und kam mit einer Sammlung zurück: das Tosen einer Springflut, das Plätschern einer Quelle und das Tropfen eines Wasserhahns.

Öffnungszeiten: Di, Fr - So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do 10 bis 22 Uhr.

Kein Wunder, dass man in diese Ausstellung erst hineingeboren werden muss. Die europäische Kunst hat die dort präsentierte Sinnlichkeit lange verleugnet. Jeder Blick ist hier ganz mit dem Körper verschmolzen. Die Ausstellung „Brasiliana – Installationen von 1960 bis heute“ ist von heute Abend bis 5. Januar 2014 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu besichtigen.

Quelle: op-online.de

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