Skulpturen-Biennale im Klosterhof Seligenstadt

Subtile und drastische Formenwelten

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„Implosion“ von Ewerdt Hilgemann.

Seligenstadt - „Verknotet – Verbunden – Verformt“ lautet das von Annemarie Poetzelberger großartig kuratierte Thema der diesjährigen Skulpturen-Biennale in Seligenstadts Klosterhof und Galerie Kunstforum. Von Reinhold Gries

Sieben Künstler führen darin wahrhaft „plastisch“ vor Augen, wie man Bewegung ebenso in Stein und Stahl bringen kann wie in textile Verspannungen und reliefierte Seidenquilts. Die kleineren Arbeiten im Alten Haus wirken dabei wie ein Ideenlabor für die großen im Abteigeviert.

Im alten Gewölbekeller des Kunstforums entfaltet sich Martina Lauingers subtile Formenwelt bestens im Dialog paarig zusammengehörender Stahlrohre. Wie sie ihre „Loops“ in den Raum zeichnet, „Chromosomen“ ineinander verschlingt, um dann stählerne Linien und Biegungen zu „Knoten“ zu verdichten, wirkt geradezu leichthändig. Wie deren röntgenartige Durchleuchtungen erscheinen deren Bewegungen in Schwarz-Weiß auf Monotypien und Holzdrucken, die wie Pläne für die Großskulpturen wirken. Im Klostergeviert erreichen sie monumentale Wirkung, ihre gereihten Stahlplastiken wie ihr drei Meter hoher „Loop“-Knäuel aus signalroten Isolierschläuchen auf dem Grün des Klosterrasens.

Auch Jörg Bach bevorzugt kunstvoll gekurvte Bewegungen, die er aus Cortenstahlquadern biegt, verschweißt und entwickelt. Folgerichtig nennt er die aus zwei Stahlsträngen wachsende Großskulptur im Kloster „Entwicklung“. Im Alten Haus findet man deren Formverläufe als Frottage auf Wachstuch wieder, während man wie aus Keramik geformte „Bodenfrüchte“ umkurvt, die in Wahrheit aus weiß lackiertem Stahl bestehen.

Ein gekonnter Totalschaden

„Entwicklung“ von Jörg Bach

Ewerdt Hilgemann gewinnt seinem implodierten Edelstahlkubus andere Wirkungen ab, indem er große und kleinere Würfel und stehende wie liegenden Hohlquader mit Wasser füllt, das er dann durch eine Öffnung abfließen lässt. Durch den Unterdruck hat das harte Material keine andere Möglichkeit als sich zu verbiegen, zu knicken und sich zusammenzuziehen. „Die Luft herausziehen, und dadurch Leben einhauchen“ lautet Hilgemanns Motto, das er wie einen gekonnten Totalschaden in die Räume setzt. Michael Zwingmanns Mahnmal „Denk ich an Fukushima“ aus zenquadrierten Flächen aus Aluminium, Stahl und Beton sorgt für weitere Verunsicherung. Bei der japanischen AKW-Havarie spielten ja auch Luft und Wasser eine große Rolle bei kaum zu leistender Beherrschung der Radioaktivität. Zwingmanns porös wirkender schwarzer Asphaltguss „Wenn das Wasser den Hafen verlässt“ wirkt dazu wie ein Kommentar, der den gleichen Biss hat wie seine aus Asphalt geometrisierte „Plastische Annäherung an das Phänomen der schwarzen Löcher“ oder die Asphalt-Lämmer, die unter „Nachtfaltern“ aus Bitumenschweißbahnen wenig idyllisch wirken.

Wie kontrovers und widerständig bildhauerische Positionen heute sind, sieht man auch an Jens Trimpins meditativen Steinwerken, Stephan Marienfelds Bondagen aus Polyester, Gips und Beton sowie an Irene Antons Netzwerk, das aus verschieden farbigen Strumpfhosen um einen Baumstamm gespannt ist. Aus der Nähe wirkt ihr „Intervention invading network-net no. 42“ gleichzeitig wie abstrakte Malerei und ein Blick in die Synapsen unserer Gehirnverschaltungen. Auch Marienfelds fast schmerzhafte Verschnürungsplastiken „Dislike“ und „Blow up“ dringen tief ins Menschliche, während Trimpins sachte gegeneinander verschobenen Syenit- und Marmor-Elemente still machen. Viel Augenreiz bieten dagegen Irene Antons kostbar modellierte und bestickte Seidenquilts „Streamings and Structures“ und „Netbook“. Ihre „White space topographics“ sprechen haptisches Sehen an, ihr Seidenquilt „Berlin – 9.11. 89“ mit den Umrissen der geteilten Hauptstadt das Vergessen.

Die Skulpturenausstellung „Verknotet, Verbunden, Verformt“ ist noch bis 28. September zu sehen. Öffnungszeiten im Klosterhof Seligenstadt täglich von 8 bis 20 Uhr. Die Galerie Kunstforum hat Freitags, Samstags und Sonntags jeweils von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Quelle: op-online.de

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